Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, welch große Zugkraft Zweitligabasketball in Kirchheim hat, er wurde am späten Sonntagnachmittag erbracht. Während sich bei frühlingshaften Temperaturen vor den Eisdielen in der Innenstadt lange Schlangen bildeten, füllte sich die Sporthalle Stadtmitte bis auf den letzten Platz – Team-Support statt Sonne-Tanken, hieß die Devise der Fans bei einer Partie, die Knights-Sportchef Chris Schmidt kurz vor Beginn richtig einzuordnen wusste. „Das heute ist ein Freischuss“, betonte er nicht nur wegen des famosen Auswärtssiegs der Ritter am Freitag in Tübingen (Schmidt: „Eines der Highlights seit ich in Kirchheim bin"), sondern auch angesichts des Gegners aus Jena, der mit 13 Siegen in Folge angereist war.
Dass der Tabellenführer aus Thüringen knapp zwei Stunden später den 14. eingetütet hatte, grämte dann auch das Publikum wenig. Im Gegenteil: Knapp eine Minute vor Spielende erhoben sich die Fans beim Stand von 73:90 und feierten ihre Mannschaft bis zur Schlusssirene für einen vor allem in der ersten Halbzeit ausgeglichenen Fight, der die Ritterburg phasenweise zum Beben gebracht hatte.
Warum die Knights nicht an die 15:9-Führung nach dem ersten Viertel anknüpfen konnten, erklärt Sportchef Schmidt so: „An so einem Tag muss einfach alles passen, da darfst du dir keine Fehler erlauben“. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die stetig abnehmende Pass- und Treffsicherheit der Gastgeber in Kombination mit der grenzwertig aggressiven Abwehrarbeit der Gäste das Pendel mehr und mehr zugunsten der Jenaer ausschlagen ließen. Direkte Kritik an den Schiedsrichtern will Chris Schmidt nicht üben, formuliert den Unmut der Ritter-Verantwortlichen eher diplomatisch: „Die Linie, die von der Spielleitung zugelassen wurde, war für uns kontraproduktiv.“
Dennoch überwog trotz der erwartbaren Niederlage die Freude über einen in Summe positiven Doppelspieltag, an dessen zweitem Teil auch die Ergebnisse aus den anderen Hallen passten: Da mit Tübingen (71:86 gegen Trier) und Münster (89:98 gegen Bochum) zwei direkte Play-off-Konkurrenten ihre Partien verloren, biegen die Knights als Tabellenachter auf die Saisonzielgeraden ein. Dort warten nach dem Hagen-Heimspiel am kommenden Sonntag noch die Duelle mit Bremerhaven, Münster, Gießen, Düsseldorf, Vechta und Dresden. Rein rechnerisch ist für Kirchheim von Platz zwei bis 14 noch alles drin. „Es ist eine tolle Ausgangssituation, dass wir zu diesem Zeitpunkt der Saison noch im Rennen um die Play-offs sind“, so Schmidt.
Unabhängig davon drückt die Mannschaft ihre Hoffnung und Ambitionen auf eine Play-off-Teilnahme für jeden sichtbar aus: Alle Spieler lassen sich seit knapp zwei Wochen einen Oberlippenbart stehen und rühren den Rasierer nicht an, bis das Ticket für die Saisonverlängerung gelöst ist – eine Aktion, an der sich am Sonntag auch Fans und Helfer mithilfe angeklebter Bürste beteiligten – ein weiterer Beweis für die Basketball-Begeisterung in der Teckstadt, die am kommenden Sonntag auf die nächste Probe gestellt wird: Mit den punktgleichen Hagenern rückt ein direkter Konkurrent in der Sporthalle Stadtmitte an. „Wie gegen Tübingen ein Schlüsselspiel“, sagt Chris Schmidt, der um die Bedeutung weiß: „Wenn wir in die Play-offs wollen, müssen wir solche Duelle gewinnen.“

