Basketball
Bradon Norris: Der Schwiegersohn-Typ mit dem Killerinstinkt

Der neue Spielmacher der Knights wird wegen seines vermeintlich braven Äußeren oft unterschätzt. Die Frage ist, wie lange noch?

Soll das Spiel der Knights in der neuen Saison lenken: Point Guard Bradon Norris. Foto: Markus Brändli

Akkurater Scheitel, unauffällige Gestalt, die Gesichtszüge eines Teenagers – so sieht keiner aus, der auf dem Basketballcourt in der 2. Liga Angst und Schrecken verbreiten könnte. Understatement ist Braden Norris’ Markenzeichen, und unterschätzt, sagt er, sei er eigentlich ein ganzes Leben lang geworden. Obwohl er vornehmlich als Assistgeber und Ballhandler geholt wurde und obwohl die Fußstapfen seines Vorgängers Mike Flowers – dem MVP der vergangenen Saison – gewaltig sind, hat er in der Pre-Season gleich mal einen Pflock eingeschlagen: 33 Punkte, neun von zehn Dreiern gegen Ludwigsburg, im einzigen Vorbereitungsspiel gegen einen Erstligisten und Play-off-Teilnehmer. Wenn das keine Ansage ist.

„Man sollte jetzt keine 30 Punkte in jedem Spiel von mir erwarten“, meint Norris. Er sieht sich eher als Taktgeber und verlängerter Arm des Coachs auf dem Spielfeld. Wie gesagt: Understatement ist ein Markenzeichen. Immerhin hat Norris am College eine Dreierquote von 42 Prozent stehen – nicht in einer herausragenden Saison, sondern konstant über einen Zeitraum von fünf Jahren.

Dass man ihn an Flowers messen wird, ist klar. Furcht davor hat er keine. „Ich bin ein anderer Typ“, sagt er. Immerhin hat er seinem Vorgänger indirekt den Job in Kirchheim zu verdanken. Gemeinsam auf dem Parkett standen sie zwar nie, doch während ihrer Zeit am College in South Alabama hatten sie denselben Coach. Und der legte Igor Perovic den Jungen wärmstens an Herz. Den letzten Ausschlag als Fürsprecher gab sein jetziger Teamkollege Cameron Henry, mit dem er am College zusammenspielte. „Bradon mag wie ein lieber Junge aussehen,“ sagt Knights-Headcoach Igor Perovic. „Aber er hat Beine wie ein Fußballer, ist enorm schnell und physisch unheimlich robust.“

Trotz seiner nur 1,83 Meter hat sich für den 24-Jährigen aus der 37.000-Einwohner-Stadt Hilliard in Ohio nie die Frage nach einer Alternative zum Basketball gestellt. Die ganze Familie lebt diesen Sport: die drei jüngeren Brüder und beide Eltern, früher als Aktive, heute als Coaches an der Highschool. Igor Perovic hat ihn als Mentor überzeugt. Während viele andere beim ersten Sprung nach Europa vom neuen Lifestyle und den großen Metropolen schwärmen, hat er sich für Perovic und die schwäbische Provinz entschieden. Hier, sagt er, findet er alles, was er braucht: einen Coach, dem er vertraut, die Fokussierung aufs Wesentliche und vor allem: eine Vielzahl guter Bäckereien. „Die gibt es bei uns in dem Maße nicht“, ist Norris glücklich. „Ich bin nun mal ein Coffee-Guy.“

Und wenn er die Extreme sucht, dann hat er sie in seinem vorübergehenden Zuhause täglich vor Augen: in Gestalt von 2,13-Meter-Mann Toni Dorn. Der Größte und der Kleinste in der Mannschaft als Spieler-WG der Gegensätze. Mit Mittelmaß sollen sich andere abgeben.