Deutschland gehört im nordischen Para-Sport zur Weltspitze. Passt die aktuelle finanzielle Ausstattung zu diesem sportlichen Anspruch?
„Die besten Athletinnen und Athleten aus anderen Nationen sind finanziell voll unterstützt, das heißt, sie können sich voll auf den Sport konzentrieren. Bei uns ist das nur zum Teil der Fall.“
Vor allem das neue Förderkonzept der Sporthilfe sorgt dabei für Kritik. Wie bewerten Sie die Auswirkungen konkret auf das Nordic Paraski Team?
„Das neue Konzept soll individueller greifen, Potential stärker gewichten, und generell Leistung stärker belohnen. Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Allerdings verlaufen Leistungskarrieren nicht immer geradlinig. Speziell in der Sportart Para Ski Nordisch ist der Weg bis zum Topleistungsniveau manchmal sehr lange. Außerdem „hängt“ der/die Einzelne stark von der Beurteilung anderer wie Trainern oder Verbandsverantwortlichen ab. Wenn es dann dazu kommen sollte, dass zum Beispiels ich als verantwortlicher Trainer die Entscheidung zwischen Athleten mit gleichen Kaderstatus fällen soll, wäre das sehr schlecht für das Gesamtgefüge. Denn bei aller Erfahrung und Expertise gibt es immer wieder faszinierende Karriereverläufe, die zum Zeitpunkt einer solchen Entscheidung gegebenenfalls nicht abzusehen waren.“
Welche Signalwirkung hat die aktuelle Fördersituation für junge Talente, die sich für den Para-Leistungssport interessieren?
„Erstmal die Wirkung, dass sich Leistung lohnt. Aber wie bereits gesagt, kann es dazu kommen, dass nicht alle die zum Zeitpunkt x ein bestimmtes Niveau erreicht haben dann auch in die Förderung kommen.“
Und welche Auswirkung hat es für etablierte Kräfte wie Linn Kazmaier?
„Es darf für etablierte Kräfte im Prinzip keine Durchhänger wie Krankheit, Verletzung oder Ähnliches geben, was für eine viele Jahre dauernde Karriere allerdings eher der Normalfall ist, denn eine Ausnahme.“
Für rund 200 Paralympics-Teilnehmende standen nur 160 Förderplätze zur Verfügung. Was bedeutete dieses Missverhältnis für die Kaderplanung?
„Das ist eine Katastrophe, denn es bringt die Situation mit sich, entscheiden zu müssen, wer gefördert wird und wer nicht, eben auch dann, wenn die gebrachten Leistungen ähnlich waren und es schwer ist, die Perspektiven treffsicher zu setzen. Es hindert zudem das Wachstum einer Sportart.“
Blickt man auf Länder wie Frankreich, die prozentual stärker in den Para-Sport investieren: Droht Deutschland international ins Hintertreffen zu geraten?
„Es hat sich auch in Deutschland einiges getan. So haben die Paraskidisziplinen das Privileg, Athletinnen und Athleten bei entsprechender Leitung in das Zollskiteam zu integrieren. Das ist eine enorme Hilfe. Ebenso die Möglichkeit, Guides als Sportsoldaten in das Fördersystem der Bundeswehr zu bekommen. Beides hat uns enorm geholfen und wir sind dafür sehr dankbar. Allerdings ist der Bedarf weiterhin größer als die zur Verfügung gestellten Plätze. Da erhoffe ich mir eine weitere Öffnung.“
Was müsste aus Ihrer Sicht kurz. und langfristig passieren, damit der Para-Nordicsport in Deutschland verlässlich und professionell weiterentwickelt werden kann?
„Kurzfristig benötigen wir dringend die Klärung der Förderstrukturen und eine Lösung dafür. Wenn von den etwa 200 Bundeskadermitgliedern nur 160 weiter gefördert werden, ist das eine Katastrophe und Ungerechtigkeit. Langfristig benötigen wir bessere Sichtungsmöglichkeiten. Da wäre es von besonderer Bedeutung zu wissen, wo die Talente sind. Die jungen Leute besuchen im Normalfall alle eine Regelschule. Nur wir aus dem Sport wissen nicht, in welcher Schule diese Kinder zu finden sind. Da macht uns der Datenschutz einen Strich durch die Rechnung. Im Vergleich zu den olympischen Sportarten ist die Vereinsstruktur mit leistungssportlichem Anstrich im Parasport praktisch nicht vorhanden. Daher wäre der Weg über die Schulen prinzipiell sehr effizient und die Kooperation mit der Schulbehörde von Bedeutung. Gerade im Zusammenhang mit G9 könnte der Sport mit seinen Strukturen den Nachmittagsbereich in den Schulen durch seine Angebote sinnvoll gestalten. Dadurch würden auch die einzelnen Kinder mit einer Behinderung automatisch gesehen und in Vereine vermittelt werden. Zudem sollte die Zusammenarbeit mit den Ebenen des olympischen Skisports über den Deutschen Skiverband und dessen Unterverbänden verstärkt werden. Inklusives Vereinstraining im Kindesalter wäre hier ein Stichwort.“

