Er kann Krise. Das macht ihn zu einem Baustein des Erfolgs. Wenn mentale Stärke und Comeback-Qualitäten Kirchheims Basketballer in dieser Saison auszeichnen, dann hat das viel mit ihm zu tun. Brian Wenzel ist der, der übernimmt, wenn dem Chef am Spielfeldrand der Kragen platzt. Beispiel gefällig? Knights-Forward James Graham stand im Heimspiel gegen Bremerhaven völlig konsterniert und mit fragendem Blick an der Mittellinie. Zugegeben: Das Foul, das ihm soeben unterlaufen war, war dumm, weil überflüssig und überdies in einer heiklen Phase. Doch immerhin war Graham bis zu dem Zeitpunkt an diesem Abend einer der Besten auf dem Parkett. Seinen Trainer interessierte dies in dem Moment nicht. Er nahm den 24-Jährigen sofort vom Feld und drehte ihm beim Abgang demonstrativ den Rücken zu.
Momente, in denen der Assistant gefragt ist. Brian Wenzel schnappte sich den ratlosen Sünder. Es folgte ein längeres Gespräch auf der Bank. Der Amerikaner kam zurück, und als das Spiel zu Ende war, hatten die Knights gewonnen und Graham hatte mit 16 Punkten maßgeblichen Anteil am Erfolg. „Ich bin der Übersetzer“, sagt Brian Wenzel über sich. Was er meint: Er ist der Transformator, der die Sichtweise des Trainers erklärt und in adrenalingeschwängerten Augenblicken schlechte Energie beim Spieler in positive umwandelt. Eine Kunst, die man nur schwer erlernen kann und die voraussetzt, dass man beide Seiten kennt: Trainer und Spieler, Erfolg und Misserfolg, Oben und Unten. So wie Wenzel.
Er weiß, dass einem wenig geschenkt wird – im Sport wie im Leben. Aufgewachsen im Berliner Kiez hat er erlebt, wie es ist, wenn Familie kein stabiles Zuhause bedeutet. Wenn auf der Straße das Recht des Stärkeren gilt und Gewalt und Kriminalität an jeder Straßenecke lauern. Basketball hat ihn selbstbewusst und stark gemacht, auch wenn er sagt: „Ich habe als Spieler mein Potenzial nie wirklich ausgeschöpft. Selbstzweifel sind immer geblieben.“
Ich musste erst lernen, wie man für sich selbst Verantwortung trägt.
Brian Wenzel versucht Spielern Stabilität zu geben, die ihm selbst lange gefehlt hat.
Weil das Talent dennoch reicht, wird er Profi, schafft es in Braunschweig sogar kurzzeitig in die erste Liga. Als er in Kirchheim landet, beginnen die Probleme. Der Rücken spielt nicht mehr mit. Nach dem dritten Bandscheibenvorfall ist die Karriere als Spieler mit 28 Jahren beendet. Für Wenzel ein harter Schlag. Der nächste folgt kurze Zeit später, als seine Lebensgefährtin sich von ihm trennt und das gemeinsame Töchterchen mitnimmt, das er vergöttert. Frau und Kind ziehen in den Norden. Es folgt ein zermürbender Streit vor Gericht, bei dem er, wie er sagt, nichts als Ohnmacht empfindet.
Inzwischen ist er 33 Jahre alt und hat in Kirchheim endlich eine Familie gefunden. Eine neue Partnerin mit eigenen Kindern, die ihn im Kampf um seine Tochter stützt. Mit einem stabilen Umfeld, zu dem längst auch die Knights zählen, die ihn aufgefangen haben, als plötzlich der Boden unter den Füßen wegbrach. „Ich musste erst lernen, was eine Krise ausmacht, welche Phasen es gibt und wie man für sich selbst Verantwortung trägt“, sagt er.
Diese Erfahrungen will er weitergeben. Als er im Winter vor vier Jahren die Knights vom damaligen Coach Mauricio Parra übernahm, führte er eine verunsicherte Mannschaft als Chefcoach auf Zeit aus der Krise. Mit der ihm eigenen Lockerheit. Als einer von ihnen. Unter einem erfahrenen Trainer wie Igor Perovic hat er sich weiterentwickelt. In der Arbeit mit einer jungen Mannschaft, die Führung braucht. „Igor kommuniziert sehr direkt mit den Spielern“, sagt Wenzel. „Aber er bietet immer eine Lösung an.“ Lösungen, die im Eifer des Gefechts manchmal nicht ankommen. Dann ist der Assistent gefragt – als „Übersetzer“.
Inzwischen ist es sein neuntes Jahr unter der Teck, und seine Erfahrung gibt Wenzel längst nicht mehr nur im Sport weiter. Er gibt Firmen-Seminare, leitet Teambuilding-Programme und ist ein gefragter Gesprächspartner an Schulen. Als einer, der glaubhaft wirkt, dem man gerne zuhört. Ob er angekommen ist? „Sieht so aus“, sagt Brian Wenzel. Kirchheim jedenfalls scheint ein Ort zu sein, an dem man wachsen kann.
Von Alba an die Alb
Brian Wenzel ist geboren und aufgewachsen in Berlin. Nach der Zeit bei Alba in der NBBL war der Zweitligist Science City Jena 2010 erste Profistation. Für Braunschweig bestritt Wenzel in der Saison 2013/14 zwei Spiele in der ersten Liga. Über Essen wechselte er 2016 zu den von Michael Mai trainierten Knights nach Kirchheim. 2019 beendete er nach dem dritten Bandscheibenvorfall seine Karriere als Spieler. Im Dezember übernahm er kommissarisch mit Sportdirektor Chris Schmidt das Traineramt bei den Knights, nachdem Head Coach Mauricio Parra aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten war. bk

