Der Kirchheimer Stefan Lösler reist als erster deutscher Snowboarder zu den Paralympics nach Sotschi
Der Premieren-Mann

Nach Olympia ist vor den Paralympics. Für die Behindertensportler dieser Welt beginnen am kommenden Freitag die Spiele in Sotschi. Zum ersten Mal mit der Disziplin Snowboard. Zum ersten Mal mit einem Athleten aus Kirchheim.

Kirchheim. Eigentlich wollte er sich als angehender Toningenieur in den kommenden Wochen um den Abschluss seiner Masterarbeit kümmern. Doch das Studium muss warten. Stefan Lösler wird zuvor Geschichte schreiben: Als erster deutscher Behindertensportler, der mit dem Snowboard an paralympischen Spielen teilnimmt. Ein Traum, der in Erfüllung geht, auch wenn Wunschtraum und Albtraum bei ihm nah beieinanderliegen. Seit einem tragischen Verkehrsunfall vor vier Jahren, bei dem sein linkes Bein oberhalb des Knies amputiert werden musste, ist Sport für den 28-Jährigen auch ein Stück Schicksalsbewältigung. Aus dem begeisterten Freizeitsportler von früher ist ein Spitzenathlet geworden, für den sich die Ereignisse seit einem halben Jahr überschlagen. Im Sommer ist er im türkischen Alanya Europameister im Para-Triathlon geworden. Jetzt steht fest: Stefan Lösler reist am Dienstag als erster Snowboarder mit der deutschen Mannschaft zu den Paralympics nach Sotschi, wo die Sportart am 14. März Premiere feiert. „Ich freue mich riesig auf den Wettkampf, auf die Atmosphäre und vor allem auf die Eröffnungsfeier“, sagt der Student, der in Bissingen aufgewachsen ist und in Graz studiert. Zwei Wochen hat er sich freigenommen, um das Abenteuer Paralympics bis zum Schluss auszukosten.

Eine olympische Karriere im Zeitraffer, die womöglich erst am Anfang steht. Nach seinem Triathlontitel im Juni ist der Student aus Kirchheim auch heißer Kandidat für einen Start 2016 in Rio. Auch dort wäre seine Sportart zum ersten Mal paralympische Disziplin. Im Para-Triathlon würde der Kirchheimer gar zu den Anwärtern auf eine Medaille zählen. Dafür trainiert er täglich, seit vergangenem Jahr mit eigenem Trainer. „Die Teilnahme in Rio wäre ein Traum“, meint Stefan Lösler. „Ich denke, die Chancen darauf stehen ganz gut.“

Bei Sommer- und Winterspielen am Start zu stehen, das ist bisher erst wenigen Athleten gelungen. Die Handbikerin Andrea Eskau, die Erfahrenste im deutschen Team für Sotschi, zählt dazu. Die gebürtige Thüringerin gewann 2010 in London zweimal Gold und war auch bei den Winterspielen in Vancouver im Langlauf und Biathlon mit Silber und Bronze erfolgreich. Ein Anderer, dem dieses Kunststück gelungen ist, sitzt als zweiter Mann im Esslinger Landratsamt und wird die Spiele in Sotschi zum wiederholten Mal als Experte für das ZDF begleiten: Esslingens Vize-Landrat Matthias Berg, der als Contergan-Opfer seit seiner Geburt mit einer Behinderung lebt, gewann in den Achtziger- und Neunzigerjahren als Skirennläufer und Leichtathlet elf Goldmedaillen.

Der Traum von einer Medaille dürfte für Stefan Lösler zumindest in Sotschi unerfüllt bleiben. Weil das Snowboarden bei den Paralympics noch in den Kinderschuhen steckt, mangelt es an einer fairen Klassifizierung, die sich nach dem Grad der Behinderung richtet. „Das ist alles erst im Entstehen und noch nicht der Weisheit letzter Schluss“, bestätigt Robert Voigtsberger, stellvertretender Sportdirektor beim Deutschen Behindertensportverband. Oberschenkelamputierte Sportler wie Stefan Lösler sind dadurch klar im Nachteil, denn den Unterschied beim Snowboarden macht ein intaktes Knie. Lösler lässt sich die Vorfreude dadurch nicht nehmen: „Ich fahre hin, um mein Bestes zu geben“, sagt er. „Wenn ich als Zwanzigster schnellster Oberschenkelamputierter bin, kann ich damit leben.“

In seinem Heimatverein TV Bissingen gab Stefan Lösler früher Snowboardkurse. Rennerfahrung hatte er bis vor zwei Jahren keine. Seinen ersten Wettkampf bestritt er im November 2012, als es bereits um Qualifikationspunkte für Sotschi ging. Weltranglistenplatz 14 reichte am Ende, um dabei zu sein – als einziger Deutscher. „Es wäre schön, wenn sich mehr aufs Brett trauen würden, um Para-Snowboard in Deutschland populärer zu machen“, lautet sein Wunsch. Andere Nationen sind da deutlich weiter. Etwa die USA, die mit einem kompletten Snowboardteam samt Trainerstab anreisen und die mit Evan Strong den Topfavoriten auf Gold stellen.

Snowboarden mit Prothese stellt hohe Anforderungen an die Technik, nicht nur beim Sportler selbst. Bei einem Sturz im letzten Weltcuprennen in den Pyrenäen brach Lösler der Schaft seiner Spezialprothese. Seitdem ist er immer mit Ersatz im Gepäck unterwegs. Gut, wenn man einen starken Partner im Rücken weiß. Der österreichische Weltmarktführer auf dem Gebiet der Orthopädietechnik unterstützt ihn als Sponsor. Im Gegenzug bringt der Kirchheimer seine Erfahrung in die Entwicklung ein. Am Freitag, 14. März, wird sich zeigen, was das alles wert ist, wenn um 10 Uhr Ortszeit (7 Uhr MEZ) die Snowboarder an den Start gehen. ARD und ZDF übertragen täglich bis zu zwei Stunden live aus Sotschi.

Foto: Luc Percival