Kirchheim. So recht scheinen sie ihren Platz noch nicht gefunden zu haben. Von der Bundesliga bis zur Regionalliga – nichts ist unmöglich, heißt es seit Jahren bei Kirchheims ranghöchster Turnriege. Abstieg, Aufstieg, Relegation – die Schlachtfelder wechselten. Was blieb, war die Spannung. Jetzt könnte sich die Mannschaft von Trainerin Michaela Pohl eine wohlverdiente Pause gönnen und den Ruf des Fahrstuhl-Teams zumindest vorerst abstreifen. Der Klassenerhalt, von vielen vor Saisonbeginn noch zur Herkulesaufgabe erhoben, ist plötzlich greifbar, und das nach erst einem von insgesamt drei zu absolvierenden Wettkämpfen. Der überraschende dritte Platz im April in Großburgwedel hat das Vertrauen in die eigene Stärke gefestigt. Zumal das VfL-Sextett personell geschwächt die Reise in den Norden antreten musste. Am Ende waren es die Nachrücker, die beim Saisonauftakt die Kohlen aus dem Feuer holten und für entspannte Mienen vor dem heutigen (Beginn 12 Uhr) zweiten Wettkampf sorgten.
Der beginnt auch sonst deutlich entspannter als zuletzt. Flug, Mietwagen, Hotel – auf all das lässt sich diesmal verzichten. Heidenheim ist fast schon ein Heim-Wettkampf. In der dortigen Halle fanden vor wenigen Wochen die Landesmeisterschaften statt. Bekanntes Terrain also. „Das beruhigt“, weiß die Trainerin mit Blick auf ihre Jüngsten, auch wenn gerade die zuletzt bewiesen haben, dass das Nervenkostüm sitzt, wenn‘s drauf ankommt. So wie die erst elfjährige Joanna Preuss, die im niedersächsischen Großburgwedel auf die Matte ging, als hätte sie noch nie in ihrem jungen Leben etwas anderes gemacht, als in der zweiten Bundesliga zu turnen. Auf ihre Leistung wird es auch heute wieder ankommen. Die Jüngste im Team wird mit Balken, Boden und Sprung einen Dreikampf bestreiten.
Damit ist klar: Die Personalprobleme sind seit April nicht weniger geworden. Besonders schwer wiegt der Ausfall von Hanna Grosch. Die viermalige österreichische Staatsmeisterin am Stufenbarren laboriert an einer Fußverletzung, die sie sich bei den Landesmeisterschaften Ende Mai in eben dieser Halle zugezogen hat. Doch auch die, die heute dabei sein werden, sind nicht frei von Sorgen. Die Böckingerin Antonia Alicke, die beim Saisonauftakt am Sprung eine Zwölf-Punkte-Wertung an Land gezogen hatte, wird diesmal wohl nur am Stufenbarren zum Einsatz kommen. Schmerzen im Fußgelenk sind erste Anzeichen von Überlastung. Bei ihr will man kein Risiko eingehen, schließlich winkt mit dem U13-Länderkampf am 25. Juni im oberbayrischen Tittmoning ein internationaler Einsatz.
Von Überbelastung kann bei Daniela Flaig keine Rede sein. Massiver Trainingsrückstand ist der Grund, weshalb die 28-jährige „Seniorin“ der Mannschaft erneut freiwillig auf einen Einsatz verzichtet. Die Jung-Lehrerin hat an ihrem neuen Arbeitsort in Baiersbronn nur eingeschränkte Trainingsmöglichkeiten, und fühlt sich nach eigener Einschätzung nicht ausreichend fit. Nur eingeschränkt einsatzfähig ist auch Pia Pohl, die unter anhaltenden Meniskusproblemen leidet und daher nur für den Stufenbarren vorgesehen ist. Bleiben als Allrounderinnen nur Dorothee Henzler und Lisa Kiedaisch, die in Heidenheim an allen vier Geräten starten werden. Bei Jessica Preuss steht wie bei ihrer jüngeren Schwester Joanna ein Dreikampf auf dem Plan.
„Alle wissen, worum es geht“, sagt Trainerin Michaela Pohl. „Allen ist klar, dass man diesen dritten Platz nicht überbewerten darf.“ Ihre Prognose: Platz fünf morgen hält sie für realistisch. Das wäre genau jene Platzierung, die in der Endabrechnung zum Klassenerhalt reichen würde und mit der man relativ entspannt zum Schlusskampf am 22. Oktober nach Unterföhring reisen könnte. „Bis dahin hat sich vielleicht auch unsere Personallage etwas entspannt“, hofft Michaela Pohl.
Stimmung und Motivation in der Mannschaft sind derzeit prächtig, und das aus gutem Grund: Der Umzug von der alten Konrad-Widerholt-Halle in die neue Rauner-Sporthalle hat für Auftrieb gesorgt. Plötzlich sind Boden- und Sprungtraining unter Wettkampfbedingungen auch hier möglich. Bisher musste dafür ins Ausweichquartier nach Ruit umgezogen werden. „Das motiviert“, freut sich die Trainerin. Leistungsstarke Turnerinnen wie Dorothee Henzler, die den Großteil der Woche im Stuttgarter Kunstturnforum zu Hause sind, tauchen nun häufiger im Heimtraining in Kirchheim auf. Auch der Wettkampftermin am Ende der ersten Ferienwoche liegt optimal. „Dadurch hatten wir die Halle komplett für uns.“ So kann sich die Trainerin, zumindest was den äußeren Rahmen anbelangt, über eine perfekte Vorbereitung freuen.
