Donnarumma, Barella, Di Lorenzo – keiner unter den Tifosi, der diese Namen nicht im Schlaf herunterbeten könnte. Im Fußball-Alltag tragen die nationalen Helden die Trikots europäischer Topklubs wie Paris Saint-Germain, Inter Mailand oder dem SSC Neapel. Die Liebe zur Squadra Azzurra ist Teil der DNA fast jedes Stiefelbewohners. Mit der Muttermilch eingesogen, mit Leidenschaft und Inbrunst ein Leben lang gehätschelt. Doch wer von den Italienern kennt Domenico Ebner, Leo Prantner oder Simone Mengon? Die spielen in Leipzig, Balingen oder Eisenach und sind die Überraschung der bisherigen Handball-WM.
Italien und Handball – ein Thema, bei dem selbst solche fremdeln, die dem handlichen Leder jahrelang einen Großteil ihrer Freizeit widmeten. Die italienische Aufstellung vor dem Hauptrunden-Duell mit der DHB-Auswahl? „Tut mir leid, da muss ich passen“, gibt Fabrizio Mosca ohne lange Umschweife zu. Der 33-Jährige aus Grabenstetten hat in seinem Heimatort jahrelang das Trikot der „Höllablitze“ und auch das des TSV Owen getragen, war einer der erfolgreichsten Werfer in der Landesliga. Sein Markenzeichen: der Mundschutz in den Farben Italiens. Heute belässt er es bei einmal die Woche Training mit der Grabenstetter Reserve, „um einigermaßen fit zu bleiben“, wie er sagt. Dafür drückt Mosca seiner vier Jahre jüngeren Schwester die Daumen, die heute mit dem HT Uhingen-Holzhausen in der Landesliga auf Torejagd geht und zuvor ebenfalls in Owen gespielt hat.
Die Familie ist das, was man handballaffin nennt, auch wenn Papa Carmine, der aus Kalabrien stammt, in Grabenstetten eine Pizzeria betreibt und vor langer Zeit auf der Alb die Liebe seines Lebens fand, in jüngeren Jahren den Kasten im Fußball sauber gehalten hat. „In Italien gibt es keine große Handball-Kultur,“ sagt Fabrizio Mosca. „Zumindest nicht dort, wo unsere Familie herkommt. Da zählt nur Fußball, vielleicht noch Wasserball.“
Gibt es im Nachbarland also eine Art nördlicher Handball-Hemisphäre, ähnlich dem nicht näher definierten Weißwurst-Äquator hierzulande? Nicht ganz. Zwar spielen mit Eppan, Brixen, Bozen, Meran oder Pressano Mannschaften aus Südtirol in der Handball-Serie A eine gewichtige Rolle. Doch aktueller Tabellenführer ist mit Conversano ein Team vom Stiefelabsatz aus Apulien. Daneben ist mit der Emilia-Romagna, den Marken, der Lombardei oder den Insel-Italienern aus Sizilien und Sardinien Erstliga-Handball durchaus ausgewogen verteilt.
Dass Handball nicht nur im Norden existiert, ist also unstrittig. Wie er wahrgenommen wird, ist ein anderes Thema. Selbst für eine Handball-Familie wie die Moscas. „Handball ist schon immer unser Ding“, sagt Sara Maria über sich und ihren Bruder. „Das ist auch unserer für italienische Verhältnisse untypischen Größe geschuldet“, meint die hochgewachsene 29-Jährige und lacht. Beim Landesligisten HT Uhingen-Holzhausen ist sie im linken Rückraum beheimatet. In ihrer zweiten Heimat in Kalabrien gibt es weder Klubs noch Ligen, die handballerisch als Unterbau infrage kämen. „Für unsere Verwandtschaft ist der Sport, den wir hier treiben, ein Mysterium“, vermutet Mosca. Dass die Italiener dabei sind bei dieser WM – der ersten überhaupt für die Azzurri –, kam für sie überraschend. Umso größer die Freude über den unerwarteten Erfolg mit dem Einzug in die Hauptrunde: „Wenn unser Sport dadurch auch in Italien etwas stärker in den Fokus rückt, wäre das doch toll“, findet sie.
Live verfolgt hat das Geschwisterpaar tatsächlich noch kein einziges Spiel der Italiener. Spätestens am Donnerstag wird sich das ändern. Dann schlagen zwei Herzen in ihrer Brust. „Das ist beim Fußball so und wird auch in diesem Spiel so sein“, sagt Fabrizio Mosca. Beide erwarten einen spannenden Kampf, der viel enger werden könnte, als viele vermuten. Vorteil Mosca: Einer von beiden zieht wohl ins Viertelfinale ein. Spiele, die man nicht verlieren kann, sind immer die besten.

