Wer vom Kirchheimer Rekordsommer spricht, der redet nicht zwangsläufig übers Wetter. Vizemeisterschaft und Pokaleinzug der Knights haben im 20. Jahr der Klubgeschichte historische Marken gesetzt. Rekordverdächtig kurz war auch die Pause: Zwischen Meisterschaftsfinale und Pokalauftakt lagen gerade mal elf Wochen. Kaum Zeit also, Luft zu holen und das Erlebte sacken zu lassen. Zumal Manager Chris Schmidt und Headcoach Igor Perovic so früh wie selten zuvor die neue Mannschaft am Start hatten.
2012 soll sich nicht wiederholen
Die beiden Köpfe hinter dem Kirchheimer Erfolg gelten als kühle Analysten, und bei aller Hitze, die im Frühsommer im Kessel war, hat Chris Schmidt sich erinnert, dass mit jedem Erfolg auch die Fallhöhe wächst. 2012, dem bis dahin erfolgreichsten Jahr, war die Euphorie ähnlich gewaltig. In der Folgesaison standen die Knights als Absteiger fest und zogen erst im letzten Moment den Kopf aus der Schlinge, weil die Baskets aus Schwelm nicht aufsteigen konnten. Damals war Schmidt Praktikant bei den Kirchheimern. 13 Jahre später trägt er die sportliche Verantwortung und sagt: „Ich habe mir geschworen, dass sich das nicht wiederholen wird.“
Schmidt weiß: Absolute Sicherheit im Sport wird es nie geben, und doch riecht das, was die Knights während der Pre-Season an ersten Duftmarken gesetzt haben, verdächtig nach dem alten Spirit. Kirchheim gilt bei vielen Experten in der Pro A längst als Geheimtipp – wieder einmal.
Verlässlichere Planung als im Vorjahr
Und Igor Perovic? Dem dürfte in seinem siebten Trainerjahr unter der Teck so manches leichter fallen. Bis auf den neuen Spielmacher C. J. Hines, der erst Ende August vom serbischen Erstligisten Radnicki Kragujevac nach Kirchheim kam, haben sämtliche Neuzugänge in der Vorsaison auf deutschem Boden gespielt. Und: Im Gegensatz zum Vorjahr kann Perovic verlässlich planen. Nach dem Knöchelbruch von Adrian Worthy haben die Knights schnell reagiert und mit dem Ulmer Chris Philipps nachgelegt. Der 27-jährige Flügelspieler mit BBL-Erfahrung ist mit einem Vertrag bis Saisonende ausgestattet. Käme Worthy in der Rückrunde wie geplant zum Einsatz, gingen die Knights personell gestärkt in die entscheidende Saisonphase. Eine Hängepartie wie im Vorjahr, als die Weiterverpflichtung von Nico Bretzel nach Weihnachten auf der Kippe stand, bleibt Perovic also erspart.
Bretzel unter Beobachtung
Bretzel ist derjenige im Kader, der den Druck des Trainers am heftigsten spürt. Im Vorjahr einer der Erfolgsgaranten in den Play-offs, kam der 130-Kilo-Mann mit sichtbarem Trainingsrückstand zurück aus dem Sommer. Verstecken kann sich Kirchheims Center, der mit Familie nach wie vor in Ulm lebt, nicht allein wegen seiner Größe nur schwer: Er und der Coach bilden täglich eine Fahrgemeinschaft. „Er weiß, was wir von ihm erwarten“, sagt Perovic. „Wenn er fit ist, gibt es in der Liga keinen besseren Deutschen auf dieser Position.“
Im Umkehrschluss: Erfüllt der Center die Erwartungen nicht, braucht es Alternativen. Mit ein Grund, weshalb nach Worthys Verletzung mit Chris Philipps nicht positionsgetreu nachverpflichtet wurde. Worthy ist als Combo-Guard von strategischer Bedeutung, Philipps mit seinen 2,03 Meter eher ein Mann für den Flügel.
Perovic hält sich wie immer eine Vielzahl an Optionen offen. Mit dem physisch starken Ex-Münsteraner Philip Alston, Routinier Julius Wolf und Lukas Zerner sind die Knights im Frontcourt flexibel aufgestellt. Alston, der in der Vorbereitung einen starken Eindruck hinterließ, kann als Stretch-Forward jederzeit auch auf der Fünf unterm Korb bestehen.
Nahtstellen gut besetzt
Mit Desmond Watson und Paul Viefhues verfügt Kirchheim zudem über ausreichend Größe auch an den Nahtstellen. Speziell auf Watson, vergangenes Jahr überragender Mann im Frankfurter Farmteam in der Pro B, ruhen einige Erwartungen – nicht nur wegen seiner 30 Punkte im Pokal gegen Ludwigsburg. Viefhues dagegen ist nach dem Abschied von Nil Failenschmid mit 21 Jahren der Jüngste in der Kirchheimer Rotation. Ein Riesentalent mit viel Selbstvertrauen, Tempo und einem guten Wurf. Wie sich der gebürtige Münsteraner unter Perovic entwickelt, gehört wohl zu den spannendsten Fragen vor der neuen Saison.
Bei Johannes Patrick stellt sich diese Frage nicht. Genauso lange wie man den Spross von Ludwigsburgs Ex-Coach John Patrick in Kirchheim schon kennt, gilt er als Wunschkandidat. Nach der Trennung von Gian Aydinoglu kommt mit dem 24-Jährigen Pointguard aus der BBL einer, der als „Aggressive Leader“ und bissiger Verteidiger noch eins draufpackt. Patrick erhielt in der Pre-Season viel Gelegenheit, sich zu beweisen. Das Wort „Backup“ für die Eins kommt Perovic zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedenfalls nicht über die Lippen. Zumal Hines in den bisherigen Testspielen noch mit Abstimmungsproblemen zu kämpfen hatte.
Morgan als Musterschüler
Bleibt noch der Musterschüler, der auf des Trainers Zettel als sein verlängerter Arm auf dem Parkett eine Sonderrolle einnimmt: Tyrel Morgan ist nicht nur einer von drei Überlebenden der letztjährigen Erfolgssaison, sondern auch der neue Kapitän im Team. Selbstlos, diszipliniert und einer, der auf dem Spielfeld buchstäblich über die Schmerzgrenze geht. Der zurückhaltende Amerikaner verkörpert Perovics Idealbild des kompromisslosen Teamplayers – nicht erst, seit er vergangenen Oktober in Göttingen ein Viertel mit gebrochener Hand zu Ende gespielt hat. Morgan ist der vielleicht kompletteste Spieler im Kader. Einer, der ein Spiel lesen kann, der ständige Wurfgefahr ausstrahlt und der mit seinen 1,95 Meter im vergangenen Jahr zweitbester Rebounder der Kirchheimer war – nur hauchdünn hinter Tylan Pope, dem MVP in den Play-offs.
Professionell, zielstrebig, diszipliniert – glaubt man dem Trainer, gilt das für die gesamte Mannschaft. Eigenschaften, die schon am Samstag gefragt sein werden, wenn mit den Gästen aus Wolmirstedt gleich zum Saisonbeginn der erste Charaktertest wartet. Der vermeintliche Außenseiter hat auf dem Transfermarkt für einige Überraschungen gesorgt und nicht wenige trauen den Magdeburgern eine solche auch in dieser Spielzeit zu. Geheimtipp gegen Wundertüte – man darf gespannt sein.

