Lokalsport
Donnerstagabend halb acht in Owen

Der Termin ist immer der gleiche: Donnerstagabend halb acht steht in Owen Gymnastik auf dem Programm. Woche für Woche, seit 60 Jahren. Weil auch die Vorturnerin über sechs Jahrzehnte dieselbe geblieben ist, feiert Elfriede Tews jetzt ein seltenes Jubiläum.

Owen. „Wann ist ein Mann ein Mann?“ hat Herbert Grönemeyer in seiner Ode ans starke Geschlecht vor 27 Jahren musikalisch zu klären versucht. Wann eine Frau zur Hausfrau wird, dürfte heute wohl kaum mehr jemand zu beantworten wagen – Mann schon gar nicht. Vor 60 Jahren war das anders. „Unter zwanzig nahmen wir keine“, kann sich Elfriede Tews ein Schmunzeln nicht verkneifen, schließlich ging das erste Sportangebot exklusiv für Frauen in Owen 1951 unter dem Titel „Hausfrauengymnastik“ an den Start. Das verlangte nach einem Mindestmaß an Reife oder zumindest dem, was man damals dafür hielt.

Anders als vor 60 Jahren ist Elfriede Tews in puncto Reife heute über jeden Zweifel erhaben. Vor Kurzem hat sie ihr 82. Lebensjahr beendet. Das alleine bot Grund zu feiern und doch gibt es Anlässe, die weitaus ungewöhnlicher sind: Für 60 Jahre als Übungsleiterin im TSV Owen hat sie jetzt die silberne Ehrennadel des Landes erhalten. An eine ähnlich beeindruckende Wegmarke kann sich selbst Horst Packmohr, der Ehrenpräsident des Turngaus Neckar-Teck, nicht erinnern.

Dass aus der Hausfrauengymnastik in Owen inzwischen das Seniorenturnen geworden ist, hat einen einfachen Grund: Die handelnden Personen sind nach sechs Jahrzehnten noch immer dieselben. Zwar ist das Häuflein Unentwegter von damals zwanzig auf heute noch zehn Frauen geschrumpft, doch fünf davon sind Mitglieder der ers­ten Stunde. Die älteste Seniorin zählt 84 Lenze, die Jüngste 72. „Wir sind gemeinsam alt geworden“, stellt Elfriede Tews zufrieden fest, „aber die Freude an der Bewegung schweißt uns nach wie vor zusammen.“ Selbstverständlich war das all die Jahre nicht. Es galt Häme zu ertragen und mancher Anfeindung zu widerstehen. „Wer als Frau Sport getrieben hat“, erzählt die Frau mit dem hellwachen Blick und dem kräftigen Händedruck, „hatte nach landläufiger Meinung nichts Besseres zu tun.“ Für sie war der Sport stets Lebensbegleiter und Lebenshilfe zugleich. In ihm fand sie Anerkennung und schöpfte Selbstbewusstsein. Er hat ihr Haltung geschenkt und inneren Halt gegeben. Denn „Besseres zu tun“ hatte Elfriede Tews eigentlich immer.

Die Nationalsozialisten haben gerade die Macht an sich gerissen, als sie im Alter von vier Jahren als Adoptivkind aus dem Hohenlohischen nach Weilheim kommt. Ohne soziale Kontakte, hineingeworfen in eine Gehörlosen-Familie lernt sie, dass körperliche Leistung nur einem Zweck zu dienen hat: der Arbeit in der Landwirtschaft. Aus dem Pflegekind wird eine für damalige Verhältnisse auf dem Lande ungewöhnliche junge Frau, die sich wenig um Konventionen schert und das zum Lebensmittelpunkt macht, was ihrem Umfeld am wenigsten entspricht: den Sport und die Musik. Sie bringt sich selbst das Schwimmen bei, indem sie sich nachts heimlich ins Freibad schleicht und wird mit 14 Jahren württembergische Meisterin im Speerwerfen. Sie heiratet nach Kriegsende einen 18 Jahre älteren Witwer, der obendrein kein Schwabe ist, und zieht fünf Kinder aus zwei Ehen groß. In einer Zeit, in der das, was man heute Patchwork-Familie nennt, als Makel gilt.

Die früh erfahrene Heimatlosigkeit holt sie auch heute noch manchmal ein. Wer ihr das Gefühl gibt, nach all den Jahren noch immer keine „echte Owenerin“ zu sein, trifft sie an empfindlichster Stelle. Mit ihrem Mann, der 26 Jahre lang als Lehrer und Schulleiter an der Owener Grundschule tätig war, hat sie das Kinderturnen aufgebaut, privaten Musikunterricht erteilt, den Seniorentreff gegründet und ein Vierteljahrhundert lang die Gemeindebücherei betreut. „Was muss man noch alles tun,“ fragt sie sich, „damit man als vollwertiges Gemeindeglied gilt?“

Respekt ist auch, was sie für sich und ihre Gruppe in Anspruch nimmt. Sie weiß: Wird diese kleiner, wird es schwerer, die nötigen Argumente für umkämpfte Hallenzeiten zu finden. Deshalb leis­tet sie Überzeugungsarbeit bei ihren Altergenossinnen und wälzt Fachbücher, um beim Thema „altersgerechter Sport“ auf dem Laufenden zu bleiben. „Gerade im Alter,“ sagt Elfriede Tews, „ist es doch wichtig, in Bewegung zu bleiben.“ Wie lange sie die Gruppe beisammen halten kann, daran verschwendet sie keinen Gedanken. Oder doch: „Wenn wir irgendwann nur noch belächelt werden“, sagt sie mit Nachdruck, „dann höre ich sofort auf.“