Fußball-Oberliga: Reutlingens wundersame Rettung in letzter Minute
Drama in fünf Akten

Die Stimmungslagen im Heilbronner Frankenstadion hätten gegensätzlicher nicht sein können. Hier der erregte Kirchheimer Trainer Rainer Kraft, der nach der 2:3-Niederlage im letzten Saisonspiel gegen Reutlingen in die TV-Kamera giftete: „Ich habe einen ganz dicken Hals!“ Dort die SSV-Spieler, die auf dem Spielfeld ausgelassen die wundersame Rettung vor dem Absturz in die sechste Liga feierten.

Heilbronn. Es war ein Drama in fünf Akten, das die 750 zahlenden Zuschauer in seinen Bann schlug. Die Ouvertüre: Der VfL geht in die Offensive und macht mit dem schnellen 1:0 sofort klar, dass er nicht gewillt ist, dem ruhmreichen Gegner, der unbedingt gewinnen muss, um noch eine Chance auf Klassenerhalt zu haben, etwas zu schenken. André Kriks übertölpelt Innenverteidiger Andre Olveira. Ein gescheiter Lupfer auf Sabri Gürol und dessen Kopfballverlängerung versenkt Abdulsamed Akin unhaltbar im langen Eck (5.).

Der zweite Akt: Andreas Rill läuft Mischa Welm leichtfüßig davon, tunnelt den herausstürzenden Benny Huber und markiert das 1:1 (13.) – Rills 21. Saisontor. Fünf Minuten später: Langer Pass auf Bastian Bischoff, der deutlich im Abseits steht. Doch Schiri-Assistent Erik Kronmüller lässt weiterspielen und der Mann mit der Maske (nach Nasenbeinbruch) locht zum 1:2 ein. Reutlingen hat sich eindrucksvoll zurückgemeldet. VfL-Trainer Rainer Kraft moniert zwei schwere Stellungsfehler, die zu den Toren führten.

Dritter Akt: Wütende Konter des VfL. Einen Heber von Daniel Hentschel pflückt SSV-Torwart Loucao Rodrigues herunter (25.), Kriks wird nach gekonntem Zuspiel von Steffen Mayer rechtzeitig abgedrängt (31.). Doch in der 42. Minute ist gegen den Kopfball des kleinen VfL-Mittelstürmers auf eine Maßflanke von Mike Baradel kein Kraut gewachsen. Mit 2:2 geht es in die Pause. „Wir haben uns wieder aufgerappelt und wollten in der zweiten Halbzeit den Druck erhöhen“, so der Trainer später.

Der vierte Akt – eine einzige Enttäuschung aus Kirchheimer Sicht: Die Teckmänner lassen sich in der eigenen Hälfte festnageln, das Reutlinger Führungstor liegt förmlich in der Luft. Bischoff scheitert frei stehend an Huber (46.), Pierre Eiberger trifft aus 22 Metern die Latte (54.). Dann die 59. Minute, in der der SSV seine rotgekleideten Fans auf der Gegengeraden erneut in Hochstimmung bringt: Unruheherd Bischoff auf Routinier Rill, der eiskalt zum 2:3 verwandelt.

Die Freude im Reutlinger Lager währt nur kurz. Die Kunde macht die Runde, dass die Mitkonkurrenten im Abstiegskampf samt und sonders in Führung liegen: Bahlinger SC gegen Walldorf, FSV Hollenbach gegen Kehl und nun auch der SGV Freiberg gegen die Stuttgarter Kickers. Bliebe es dabei, würde es für den SSV trotz eines eigenen Sieges den Abstieg bedeuten. Lorenz-Günther Köstner, der Reutlingen einst erfolgreich trainierte und noch ein Herz für den SSV bewahrt hat, sieht schwarz und verlässt vorzeitig das Stadion. Im Gäste-Fanblock ist es plötzlich ganz still.

Das Finale furioso: In Freiberg gleichen die Kickers in der Nachspielzeit aus – mit neun gegen elf nach zwei Platzverweisen. Die Freudenbotschaft verbreitet sich in Windeseile. Noch sind in Heilbronn fünf Minuten zu spielen. 300 Sekunden zwischen Hoffen und Bangen. Aber vom VfL droht keine Gefahr mehr. Bei Abpfiff brechen alle Dämme. Im Nu ist das Spielfeld von Fans überflutet. Ein Fußballwunder hat den SSV gerettet. Nicht die Blauen von der Teck, sondern jene aus Degerloch haben Schicksal für Reutlingen gespielt.

Die VfL-Fans nehmen die Niederlage gelassener hin als ihr Trainer, der auch eine Viertelstunde nach dem Abpfiff noch nicht weiß, wer abgestiegen ist: „Ich bin nur maßlos enttäuscht, wie wir diese Gegentore gefangen haben. Alles andere interessiert mich nicht.“ Da ist auch das Erreichen des einstelligen Tabellenplatzes, das erklärte Saisonziel, für ihn nur ein schwacher Trost.