Stefan Schumacher bestreitet bei der Straßen-DM in Neuwied erstmals wieder ein Rennen auf deutschem Boden
Ein Gefallener kehrt heim

Mehr als 50 Renneinsätze hat Stefan Schumacher seit vergangenem Sommer bestritten. Am kommenden Wochenende betritt er dennoch Neuland. Bei den deutschen Meisterschaften in Neuwied startet der Nürtinger zum ersten Mal nach Ablauf seiner Dopingsperre wieder auf deutschem Boden.

Nürtingen. Selbst der Hochzeitstag muss warten. Es ist der erste nach der Heirat mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Ina vor genau einem Jahr. Den Blumenstrauß auf dem Tisch hat er auf dem Heimweg vom Flughafen am Abend noch schnell besorgt, nachdem er am Montag in Toulouse erst mit deutlicher Verspätung weggekommen war. Rennstress, Reisestress – viel hat sich nicht verändert im Leben Stefan Schumachers seit er im Spätsommer letzten Jahres auf die Rennbühne zurückgekehrt ist.

Auf dem Schlussabschnitt der Route du Sud am Sonntag hieß das Etappenziel Pau. Ein geschichtsträchtiger Ort mitten in den Pyrenäen, der mit am häufigsten im Programm der Frankreich-Rundfahrt steht. Diesmal war es keine Tour-Etappe, sondern ein Rennen der zweiten Kategorie, bei dem Schumachers neuer Arbeitgeber Miche einen Mann auf dem Podium hatte: Davide Rebellin, wie Schumacher einst bei Gerolsteiner und wie er ein Gefallener, ist seit Anfang Mai wieder Teamkollege im drittklassigen italienischen Rennstall. 40 Sekunden fehlten dem einstigen Weltranglis­ten-Ersten in Pau zum Gesamtsieg. Nur deshalb hielt Schumacher durch. „Wäre Davide nicht mit ums Podium gefahren, wäre ich ausgestiegen“, sagt er. So hat er sich mit Prellungen und üblen Schürfwunden bis ins Ziel gekämpft. Erinnerungen an einen bösen Sturz am ersten Renntag, als ihm bei einer Abfahrt auf regennasser Straße bei Tempo 60 plötzlich das Vorderrad weggerutscht ist. Seine Frau ist Physiotherapeutin, die „beste der Welt“ wie er versichert. „Die kriegt das bis Freitag wieder hin.“

Am Freitag steht mit dem Zeitfahren in Neuwied das erste Highligt der deutschen Meisterschaften im Programm. Schumacher ist gemeldet, wie auch fürs Straßenrennen am Sonntag. Nicht irgendein Rennen, sondern der erste Auftritt vor deutschem Publikum seit mehr als drei Jahren. Nervös sei er nicht, betont er. Er versucht den Fokus auf das rein Sportliche zu lenken. „Ich war noch nie Deutscher Meister, eine Chance rechne ich mir schon aus.“ Deutscher Meister war er nie, ein guter Zeitfahrer ist er noch immer, das hat er in diesem Jahr schon mehrfach bewiesen. Bei der Asturien-Rundfahrt im April etwa hat er dem Spanier Gutiérrez den Sieg weggeschnappt. Der war immerhin schon Vize-Weltmeister. Am Freitag heißt die Richtmarke Tony Martin, hinter Weltmeister Fabian Cancellara der momentan vielleicht Stärkste im Kampf gegen die Uhr. Doch auch der Rest im Feld kann sich sehen lassen: Der Weltmeister von 2008, Bert Grabsch, Sebastian Lang oder Chris­tian Knees, der Titelverteidiger im Straßenrennen – alles Fahrer, die einige Erfolge vorzuweisen haben. Das Rennen am Sonntag hält Schumacher dagegen für völlig offen. „Kein wirklich schwerer Kurs. Es gibt auch keine überragende deutsche Mannschaft mehr, die vorne alles kontrolliert.“

In Italien, Spanien oder auch in Frankreich herrscht Jubel an der Strecke, wo immer das Peloton auftaucht. Dass dies am Wochenende anders sein könnte, fürchtet der Nürtinger nicht. Anfeindungen habe er bisher keine erlebt. „Ich lese aber auch nicht alles, was über mich geschrieben wird.“ Wenn er einen Weg zurück auf die große Bühne finden will, dann darf er sich davon nicht beeindrucken lassen, das weiß er. Die Rückkehr in ein Pro-Tour-Team ist nach wie vor sein Ziel, für das er trainiert. Dafür braucht es Geduld, Erfolge und die richtigen Kontakte zur rechten Zeit. Vier Siege hat er in diesem Jahr bereits auf dem Konto. „Ich weiß, dass da noch Luft nach oben ist, aber ich muss mir nichts mehr beweisen“, sagt er. Die Karten fürs nächste Jahr werden erst nach der Tour neu gemischt. Im Spätsommer und Herbst stehen in Italien noch wichtige Eintagesrennen im Kalender. „Die sind hierzulande wenig bekannt“, meint Stefan Schumacher, „haben dort unten aber einen extrem hohen Stellenwert.“ Ausreichend Gelegenheit also zur Eigenwerbung. Wenn es nicht klappt? „Ein Jahr noch bei Miche, davon ginge die Welt auch nicht unter.“ Die Italiener sind am Investieren, haben gute Chancen, über die nationale Punktewertung im kommenden Jahr einen Startplatz beim Giro zu ergattern.

Grund genug, sein Italienisch weiter zu verbessern. Für systematischen Sprachunterricht fehlt die Zeit, unterwegs helfen Computerprogramme oder auch der Sportteil der „Gazzetta“ weiter. „Für ein normales Fachgespräch reicht‘s“, ist er überzeugt. Vielleicht hat er demnächst mehr Zeit. Nach der DM geht es mit Ehefrau Ina für zwei Wochen in Urlaub. Das erste Ziel ist klar: Italien.