Lokalsport
Ein Schultes übt den großen Wurf

Manche Bürgermeister haben ein Händchen dafür. Anderen gelingt er nie. Notzingens Sven Haumacher ist vermutlich der einzige Rathauschef im Land, bei dem sich ein großer Wurf in Metern messen lässt.

Notzingen. Die Bürgerfragestunde im Notzinger Rathaus gibt es schon. Die Autogrammstunde mit dem Schultes noch nicht. Er habe noch keine Karten drucken lassen und dies auch nicht vor, meint Sven Haumacher feixend. Schließlich ist der Verwaltungschef der Bodenbachgemeinde ein Mann mit Bodenhaftung und weit entfernt von dem, was man im Volksmund despektierlich eine Rampensau nennt. Eher heimlich hat der 37-Jährige seine alte Liebe, die Leichtathletik, wiederentdeckt und es dabei im Eiltempo auf die nationale Bühne geschafft.

Narzistisch und vom Ehrgeiz zerfressen – Im Heer der Seniorensportler wächst auch die Zahl der Adrenalin-Junkies rasant, die auf der Flucht vor der Midlife-Crisis den Sport als Unterschlupf entdecken. Haumacher hat ein anderes Bild von sich: „Ich will einfach Spaß haben und neue Menschen und Städte kennenlernen“, sagt er. „Die meisten Seniorensportler nehmen die Sache viel zu ernst.“

Richtig ernst genommen hat auch er seinen Sport, doch das ist lange her: Als 13-jähriger Diskuswerfer stand er im Bundeskader, hielt damals den württembergischen Rekord in der Schülerklasse. Danach war die Berufsausbildung wichtiger. Inzwischen scheint der ehemalige Polizist und Rechtswissenschaftler wieder Zeit und Muse für regelmäßiges Training zu finden. Ausgerechnet in einem Beruf, von dem andere behaupten, dass der Terminkalender zwischen Vereinsversammlungen und Gemeinderatssitzungen kaum Zeit zum Schlafen lasse. „Es geht nicht darum viel zu arbeiten, sondern effektiv zu arbeiten“, lautet Haumachers simple Erfahrung in seinem dritten Jahr als Bürgermeister. „In Notzingen ist zum Glück noch heile Welt.“ Zweimal Wurftraining, dazu der regelmäßige Gang ins Fitnessstudio sind fest im Wochenkalender verankert. Diskuswerfen ist wie Fahrradfahren. Beides verlernt man so wenig wie man die Lust am sportlichen Vergleich verliert. „Ich war schon immer ein Wettkampftyp“, gesteht Haumacher. „Mir gefällt es einfach, mich mit anderen zu messen.“

Dafür opfert er ganze Wochenenden. Am Sonntag wurde er mit 39,15 Metern bei den deutschen Seniorenmeisterschaften in Erfurt Fünfter. Das klingt nicht schlecht. Was er nicht verschweigt: In seiner Altersklasse waren nur fünf Teilnehmer am Start. Die Enttäuschung über das nur mäßig erfolgreiche Comeback hält sich in Grenzen. Er war zuvor erkältet, zudem lange verletzt. Eine Absage war trotzdem keine Option. Seine DM-Qualifikation beim Unterlenninger Bühlbergfest vergangenen Sommer gelang ihm schließlich mit der persönlichen Bestweite von 40,52 Meter. So etwas verpflichtet. „Zudem ist Erfurt eine schöne Stadt, meint Haumacher, der mit seiner Lebensgefährtin ein entspanntes Wochenende in Thüringen verbrachte.

Doch so ganz ohne Ziele hält sich auch im Herbst der sportlichen Karriere der Spaß in Grenzen. Zwei Meter will er in diesem Jahr auf seine Bestweite draufpacken. „Die 45 Meter sind durchaus noch drin.“ Ende März ist die Hallen-WM in Budapest. Im August locken die Senioren-Europameisterschaften in Izmir. Beides attraktive Ziele für einen Sport-Touristen, zumal es bei den Titelkämpfen keine Qualifikationsnormen gibt. Ein Ziel 2014 hat der Notzinger Schultes schon jetzt erreicht: Bei der Sportlerehrung der Gemeinde am Ende dieses Monats darf er sich selbst eine Urkunde überreichen.