Kirchheim. Warum, das weiß freilich niemand so genau. Dem Inhalt der 2 360 bei Google zu diesem Thema gefundenen Internetseiten zufolge, soll am 21. Januar jeder in Jogginghose bekleidet zur Arbeit gehen. Wer heute nicht malochen muss, kann oder darf, hätte allerdings auch gestern im Schlabberlook das Haus verlassen dürfen – der Jogginghosentag wurde kurzerhand erweitert, um das modische Statement auch denjenigen zu ermöglichen, die samstags frei haben. Wer also gestern im Büro den Kollegen in der abgewetzten Adidasbuxe erspähte oder heute morgen seine Frühstücksbrötchen von einer Bäckereikraft im Polyesterslacks erhalten hat, kann davon ausgehen, auf einen Fan dieses Aktionstags getroffen zu sein.
Ob jemand heutzutage Fan von etwas ist, lässt sich dank sozialer Medien im Mitmachweb leicht herausfinden. Die Facebookseite zum internationalen Jogginghosentag gefällt über 43 000 Usern, von denen sich die meisten positiv äußern: „Bei mir ist sowieso jeden Tag Jogginghosentag“, lautet einer der häufigsten Beiträge auf der Facebookseite.
Ein Blick in deutsche Fußgängerzonen lässt dieses Credo durchaus massentauglich erscheinen. Kaum ein Tag, an dem einem auf offener Straße niemand in meist grauen Sweatpants über den Weg läuft und so zwangsläufig an den Fußballkeeper Gabor Kiraly erinnert. Unabhängig von der Jahreszeit bei jedem Kick das Gehäuse von Hertha BSC hütend, galt der 35-jährige Ungar, inzwischen bei 1860 München zwischen den Pfosten, quasi als Pionier in Sachen Jogginghose – mit Erfolg: der damalige Hertha-Ausrüster Nike nahm das Markenzeichen Kiralys in sein Merchandise-Angebot auf und machte den Keeper so zur Kultfigur.
Heutzutage muss man beileibe kein Profisportler sein, um öffentlich den Feierabendlook aufzutragen. Man muss noch nicht mal mehr besonders sportlich sein. War sie früher nur in Turnhallen anzutreffen, ist die Jogginghose heute allen Stilästheten zum Trotz vor allem bei Jugendlichen salonfähig – „chillig“ nennt die U20-Generation den Look, mit dem sie bei Erziehungsberechtigten und Erwachsenen meist Kopfschütteln und Fremdscham auslöst. So soll die Jogginghose mittlerweile durch Rektorenanweisung schon von so manchem Schulhof verbannt worden sein, um die Kids im polyesterpädagogischen Sinn wieder auf den Pfad der Klamottentugend zurückzubringen: Die Jogginghose gehöre schließlich hinter verschlossene Türen,
Doch Vorsicht, liebe Eltern: Wer einst entgegen jedem Geschmacksempfinden mit ungebrochenem Selbstbewusstsein Schlag-, Karotten- oder Bundfaltenhosen in der Öffentlichkeit auftrug, darf heute kaum den modischen Zeigefinger heben und die Jogginghose samt ihrer Träger geißeln. Zumal der heutige Tag ja nicht nur dem internationalen Gedenken der Jogginghose gewidmet ist. Passenderweise wird am 21. Januar auch der Weltknuddeltag begangen. Also: Her mit der Kuschelhose und ab aufs Sofa – und um des lieben Modefriedens Willen dort auch bleiben.
