Wie das Tauziehen um ein Kirchheimer Jungtalent 1938 mit einer Drohung endet
Eine Rückholaktion erhitzt die Gemüter

Schon in der Vorkriegszeit waren die größten Fußballtalente bei der benachbarten Vereins-Konkurrenz mitunter so heiß begehrt, dass es zu Abwerbungsversuchen kam. Vereinswechsel von Spielern hatten in jenen Tagen aber ein Gschmäckle - man wechselte nicht einfach so.

Es war im Jahre 1938, als sich der VfB Kirchheim - Vorgängerverein des VfL - um Verstärkung für seine Fußballmannschaft bemühte. Die spielte in der Bezirksklasse Hohenzollern und wollte Meister werden. Otto Kienzle hieß die gewünschte Verstärkung, war ein hoch talentierter Linksaußen, 18 Jahre alt, Bäcker und Kirchheimer - dumm nur, dass er seit der A-Jugend für Nachbarverein Stuttgarter Kickers der Lederkugel nachjagte. Nachdem die Kirchheimer mit dem Spieler weitgehend handelseinig waren, startete die Rückholaktion - VfB-Funktionär Willy Kreck ersuchte seinen Kickers-Kollegen in einem Brief um die baldige Freigabe des Spielers. Doch auf Degerlochs Höhen, wo man in der Gauliga kickte, kam das offensive VfB-Gesuch gar nicht gut an.

Als Erstes informierte Kickers-Mann Ruoff den Spieler über den Sachverhalt - schriftlich. „Lieber Kienzle!“, begann er seinen Brief und wurde im zweiten Satz deutlich: „Wenn Kirchheim seine Bemühungen um Dich nicht sofort aufgibt, so verständige uns bitte davon!“ Ob der junge Mann das tat, ist ungewiss, verbürgt indes, dass die Stuttgarter gen Kirchheim schweres Geschütz auffuhren - in einem zweiten Schreiben. „Es befremdet uns außerordentlich, dass Sie uns mitteilen, dass unser Spieler Otto Kienzle sich bei Ihnen angemeldet habe und um Übersendung des Spielerpasses ersuchen.“ Dann legte Ruoff nach: Der Spieler habe glaubhaft mitgeteilt, weder eine Aufnahme-Erklärung abgegeben zu haben noch überhaupt wechselwillig zu sein. Kienzle „denke überhaupt nicht daran, bei Ihnen zu spielen“, schreibt der Kickers-Funktionär forsch - und droht mit dem Verband. Der heißt damals Deutscher Reichsbund für Leibes­übungen (DRL) und ist ein reines Nazi-Konstrukt.

Das Tauziehen um das Jungtalent endet mit einem Stuttgarter Sieg: Zu einer Rückkehr nach Kirchheim kommt es nicht - Otto Kienzle trägt weiter die Kickers-Farben. Bis er im September 1939 zum Kriegsdienst einberufen wird. Am 31. Dezember 1943 fällt der Kirchheimer am Ladogasee in Russland.