Dass Defense Spiele gewinnt, ist eine von vielen Binsenweisheiten, die im Basketball allgegenwärtig sind. Aufs Kirchheimer Spiel gemünzt, kam diese Formel allerdings allzu oft nicht ohne die Ergänzung aus: Defense allein genügt häufig nicht. In der Quakenbrücker Artland-Arena durfte man also gespannt sein. Was wiegt schwerer, wenn eines der offensivstärksten Teams der Liga auf wurfschwache Abwehrkünstler aus dem Süden trifft? Mit 110 Punkten im Schnitt hatten die Drachen in den drei Spielen zuvor ihre Gegner aus der Halle gefegt und dabei dem Spitzenreiter aus Hagen seine bisher einzige Saisonniederlage verpasst. Am Samstag nach Spielende waren alle Rechnungen Makulatur und die Knights von jeder Relativierung reingewaschen. Der 108:94-Erfolg gegen die Mannschaft der Stunde in der Pro A war nicht nur der bis dahin beste Auftritt in dieser Saison. Was für die grüne Rookie-Truppe von Head Coach Igor Perovic hinterher mehr zählte: Er kam einem Reifezeugnis mit Sternchen gleich.
Wir haben 40 Minuten lang auf die Gangart des Gegners keine Antwort gefunden.
Hendrik Gruhn, der Head Coach der Artland Dragons war mächtig sauer nach dem Spiel.
Gute Defense gewinnt nicht zwangsläufig Spiele, aber sie kann den Kopf freiräumen, damit es auch offensiv läuft. Bestes Beispiel: Spielmacher Phillip Russell lief nach der Halbzeitpause komplett heiß. Ob die 29 Punkte des Kirchheimer Topscorers auch gegen einen weniger genervten Gegner gefallen wären – fraglich. Fakt ist: Die Drachen hatten irgendwann weder Lust noch Kraft mehr, sich aus dem Schwitzkasten der Gäste herauszuwinden. 43:29 Rebounds, 26:16 Fouls seitens der Teckstädter. Eklig, dreckig, erfolgreich – die Minimalisten aus Kirchheim bedankten sich mit einem High-Score-Sieg, dem bisher höchsten in dieser Saison. Und Artland-Coach Hendrik Gruhn versuchte nach Spielende irgendwo zwischen Frust und Anerkennung die passenden Worte zu finden. Kirchheims Defensivleistung „am Rande der Legalität“, befand der Trainer, musste aber zugeben: „Das haben sie richtig gut gemacht. Und wir haben 40 Minuten keine Antwort darauf gefunden“.
Sein Kollege Igor Perovic dagegen sieht zu, wie sein Plan aufgeht: „Die Energie, die wir heute gezeigt haben, brauchen wir in jedem Spiel“, betont er. Nach der Vertragsverlängerung von Chuck Harris und der Rückkehr von Tyrel Morgan dürfte das leichter fallen. Mit Nick Spinoso, der am Samstag wegen einer Erkältung fehlte, steht Perovic künftig eine Zehner-Rotation und damit eine Option mehr zur Verfügung. „Das wird uns helfen“, meint der Coach mit Blick auf intensive Wochen, die nach der Länderspielpause bevorstehen.
Vor allem das starke Comeback von Morgan nach siebenwöchiger Verletzungspause schürt Hoffnungen. Der 24-jährige Shooting Guard schrammte mit 18 Punkten und neun Rebounds nur knapp an seinem ersten Double-Double vorbei, verwandelte dabei selbst schwierigste Würfe in größter Bedrängnis. Für seinen Trainer wenig überraschend: „Eine Handverletzung kann eine Chance sein“, sagt Perovic. „Sofern man diese Zeit nutzt, um intensiv an seiner Fitness zu arbeiten“. Das hat Morgan wohl getan und Defizite, die er aus mehreren Verletzungen seit der Pre-Season mit sich herumschleppt, aufgearbeitet. „Tyrel ist ein entscheidender Faktor für uns“, sagt auch Teammanager Chris Schmidt. „Seine Spielweise reißt andere mit“.
Das wird mehr denn je gefragt sein, wenn am kommenden Samstag der Tabellenführer aus Hagen in der Sporthalle Stadtmitte aufkreuzt. Das ausgebuffte Team von Coach Chris Harris ist gespickt mit erstligaerfahrenen Kräften und dürfte sich nicht so leicht den Schneid abkaufen lassen. „Wir haben jetzt die große Chance, Schluss zu machen mit dem Gerede, dass es immer die schwachen Gegner sind oder solche, die uns unterschätzen. Das sollte Motivation genug sein“, sagt Schmidt. „Wenn wir physisch über 40 Minuten so da sind wie am Samstag, können wir auch Hagen Probleme bereiten“.
In dieser Liga ist alles möglich, das haben die vergangenen Wochen gezeigt. Und wie schnell man mit seinem Urteil daneben liegen kann, musste auch der Livestream-Kommentator in der Artland-Arena am Samstag feststellen: „Hinten hui, vorne pfui“, hatte der die Gäste aus Kirchheim seinem Publikum griffig vorgestellt. Irren ist bekanntermaßen menschlich.

