Kirchheim. Jeder hat seine eigene Art, mit Enttäuschungen umzugehen. Während die Mannschaft am gestrigen Trainingstag im Fitnessstudio ihren Frust beim Gewichtestemmen abarbeitete, suchte der Trainer Zerstreuung zwischen Rindenmulch und Unkrautbüscheln. „Meine Frau hat‘s gefreut“, meint Frenkie Ignjatovic zu einem seiner seltenen Einsätze bei der Gartenarbeit. Abschalten ging dann aber doch nicht, denn vor dem Griff zur Hacke gab es das Video zum Spiel. Nicht ein Mal, gleich fünf Mal hat er sich die entscheidenden Szenen angeschaut. Fazit: „Sechs oder sieben individuelle Fehler in entscheidenden Situationen haben uns den Sieg gekostet.“ Unglückliche Abwehraktionen, leichtfertige Ballverluste oder Unbeherrschtheiten wie die des Kapitäns Radi Tomasevic, der wegen Meckerns ein technisches Foul kassierte.
Entscheidender Faktor aus Trainersicht war allerdings der Ausfall von Max Rockmann nach bereits zehn Minuten. Der Flügelmann fehlte in der zweiten Spielhälfte an allen Ecken und Enden. Zwar bot Tavares Speaks eine überragende Vorstellung als Sonderbewacher von Chris Alexander, dafür war der bis zur restlosen Erschöpfung rackernde Bryan Smithson in der Doppelrolle als Topscorer und Schatten von Diego Kapelan in der Schlussphase überfordert. Essens Neuzugang war am Ende nicht mehr zu halten, traf aus allen Lagen und entschied das Spiel praktisch im Alleingang. Zur Entlastung der Gastgeber muss man feststellen: Kapelan in der Form vom Samstag ist ein Mann für die erste Liga.
Lehrreich war das Spiel auch aus anderer Sicht: Fünf von zehn Bestmarken des 25. Spieltages setzten Kirchheimer und damit Spieler eines Verliererteams. Und: Die Knights verlieren den Reboundvergleich auch an Tagen, an denen Björn Schoo Topleistung abliefert. Zu wenig zweite Bälle – eines der Hauptprobleme der Ritter bleibt unverändert bestehen. Am Samstag freilich begünstigt durch Rockmanns rasches Aus und Berans fast schon zur Regel gewordene Foulbelastung. Immerhin: Was Rockmanns Verletzung betrifft, scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen nicht zu bewahrheiten. Der Forward war erst umgeknickt und hatte sich anschließend bei einem Reboundversuch einen Rückenwirbel verdreht. Nachdem er in der Kabine vom Physiotherapeuten eingerenkt worden war, verfolgte er den Rest des Spiels neben der Bank liegend aus der Horizontalen. Gestern ging es dem 25-Jährigen schon deutlich besser. „Ich kann laufen, aber den Fuß noch nicht voll belasten“, sagt er. Ob es für das Spiel am Samstag in Nürnberg reichen wird, ist unklar. „Mal sehen, was die nächsten Tage Physiotherapie bringen. Ich werde auf jeden Fall nichts riskieren.“
Mit oder ohne Rockmann, gegen die Franken wird eine ähnlich starke Leistung nötig sein wie am Samstag. Lichtblicke gab es aus Kirchheimer Sicht zuletzt genügend: die Scorerqualitäten von Smithson und Byrd, der seit Jahresbeginn wie ausgewechselt erscheint, die Defensivstärke von Speaks oder das wiedergefundene Selbstvertrauen eines Björn Schoo. Ignjatovic sieht seine Mannschaft auch taktisch verbessert: „Wir haben gegen Essen zu 90 Prozent getan, was wir tun wollten“, sagt er. „Doch es sind nicht immer wir, die die Entscheidungen treffen.“ In Sachen Play-offs ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, auch wenn die jüngste Niederlage ein schwerer Rückschlag war. Die punktgleichen Teams aus Chemnitz und Gotha sind aktuell die direkten Konkurrenten um Platz acht. Mit beiden Mannschaften steht der Vergleich noch aus. Chemnitz ist nächster Heimspielgegner der Knights, Gotha empfängt die Kirchheimer am letzten Spieltag in fünf Wochen. Dann wird sich zeigen, für wen die Saison am 5. und 6. April mit der ersten Play-off-Runde in die Verlängerung geht. „Für die Mannschaft wäre es das Sahnehäubchen und ein gerechter Lohn“, sagt Knights-Sportchef Karl Lenger, „auch wenn das nie unser Saisonziel war.“
