Kirchheim. Wer hätt‘s gedacht: Am zweiten Spieltag knöpften die Kirchheimer Tischtennisspieler Titel-Topfavorit SV Plüderhausen beim 8:8 einen Punkt ab – zum damaligen Zeitpunkt eine kleine Verbandsliga-Sensation. Der Coup in der LUG-Halle gab Auftrieb und Selbstvertrauen: Bis zur vierwöchigen Winterpause ereilte die Mannschaft lediglich beim Tabellendritten TTC Bietigheim-Bissingen II eine Niederlage (7:9) – der unverhoffte Höhenflug endete auf Platz drei. Insider staunten darüber ebenso wie die Mannschaft selbst. „Keiner von uns hätte diese Vorrundenbilanz so richtig erwartet“, sagte Michael Klyeisen, „allerdings haben sich alle VfL-Spieler nach vielen intensiven Trainingseinheiten in den letzten Monaten enorm verbessert.“ Und so ist die Mannschaft mit Geßner, Klyeisen, Christian Übelhör, Benjamin Sabo, Michael Hohl und Patrick Strauch, der mit 13:1 Siegen am hinteren Paarkreuz die drittbeste Liga-Bilanz aufweist, in Württembergs höchster Spielklasse derzeit auf Höhenflug. Wo sie am Ende landen wird, ist ungewiss.
Zum Kirchheimer Mannschafts-Erfolg kamen in den letzten Monaten verbesserte Einzelbilanzen hinzu. In der seit 2011 existenten TTR-Rangliste, die laut DTTB-Bundesliga-Spielleiter Jens Häcking 283 000 und damit 90 Prozent aller in deutschen Spielklassen aktiven Tischtennisspieler altersklassen- und geschlechterübergreifend auflistet, rangieren vier VfL-Spieler in der Top 1 000. Simon Geßner ist die aktuelle Nummer 544 in Deutschland, Michael Klyeisen Nummer 563, Benjamin Sabo Nummer 759 und Christian Übelhör Nummer 947. Derlei Platzierungen sind in der Teckregion herausragend: Mit Naberns Andrej Plantikow findet sich der beste Nicht-Kirchheimer erst auf Position 3 650. Ranglisten-Erster ist erwartungsgemäß Timo Boll (Borussia Düsseldorf) vor Dimitrij Ovtcharov (Fakel Orenburg) und dem Ex-Frickenhausener Patrick Baum (TTC Fulda-Maberzell).
Am 17. Januar startet der VfL mit dem Heimspiel gegen den Tabellenvorletzten DJK Sportbund Stuttgart II in die Rückrunde – theoretisch sind die Saisonpunkte 16 und 17 reine Formsache. Eine Herkulesaufgabe wartet 14 Tage später im Auswärtsspiel bei Spitzenreiter SV Plüderhausen. Gegen den Ex-Bundesligisten hat in der Hohberghalle noch keine Mannschaft gepunktet. Sollte der VfL die SVH-Heimserie knacken, könnte Tischtennis-Kirchheim erstmals wieder vom Oberliga-Aufstieg träumen.
Könnte. Realistisch betrachtet, wird der VfL-Einzug in die fünfthöchste Spielklasse wohl auch nach einem neuerlichen Husarenstreich nur ein frommer Wunsch bleiben. Denn direkt nach der Plüderhausener Partie nimmt Simon Geßner erst mal eine achtwöchige Tischtennis-Auszeit – gegen Mössingen, Neuenstein, Steinheim, Rottenburg und Reutlingen fällt Kirchheims Nummer eins freiwillig aus. Denn der 19-jährige angehende Bankkaufmann der Volksbank Kirchheim-Nürtingen bereist dann Neuseeland und Australien – erstens, um seine bereits vor Ort befindliche Freundin Annika Rehkugler (22) zu treffen, zweitens, um Land und Leute eines für ihn unbekannten Kontinents kennenzulernen. „Den Wunsch, nach Ausbildungsende diesen Rucksack-Urlaub anzutreten, hatte ich schon länger“, bekennt Geßner. Einen Alternativtermin gab es für ihn nicht, was er bedauert. „Natürlich hätte ich gerne weiter für den VfL gespielt, umso mehr, als es ja gerade so gut läuft. Aber der Urlaub ließ sich wegen meines Jobs nicht anders legen.“
Und so wird Geßner demnächst erwartungsfroh in irgendeinem ozeanischen Pub oder Café sitzen, Laptop oder Handy auspacken und nachschauen, mit welchem Erfolg oder Misserfolg seine Kameraden 18 000 Kilometer nordwestlich gerade ihr aktuelles Verbandsliga-Spiel absolviert haben. Und in welcher Sechser-Formation sie gespielt haben, und wer ihn als Einser ersetzt. Doch praktisch kommt als Nachrücker mit dem Wirtschaftspsychologie-Studenten Michael Klyeisen nur die angestammte Nummer zwei infrage – eine externe Neuverpflichtung im Winter schließt Abteilungsleiter Axel Schorradt kategorisch aus. „Aus Kostengründen“, wie er sagt: Die kleine Abteilung will ihren knapp fünfstelligen Saisonetat nicht gefährden.
Schorradt weiß: Mit Geßner bricht in seiner Mannschaft zumindest für fünf Matchs wohl der wichtigste Spieler weg. „Natürlich ist die Chance auf Platz eins oder Relegationsplatz zwei für uns jetzt gesunken“, sagt er. Trotzdem wolle man versuchen, sich irgendwie durchzuwursteln – so lange, bis Geßner Ende März wieder Kirchheimer Boden betreten hat. Geßner selbst ist nicht abgeneigt, ein paar Tage früher als geplant den Rückflug anzutreten und womöglich ein Spiel mehr zu bestreiten – für den Fall, dass der VfL dann immer noch an der Tabellenspitze mitspielt.
Welche Parameter dazu nötig sind, dass der VfL auch ohne Geßner weiter fleißig Siege feiert, weiß Michael Klyeisen. „Erstens sollten schwerere Gegner wie Mössingen und Reutlingen nicht den besten Tag gegen uns erwischen, zweitens müssen wir VfL-Spieler taktisch klug aufstellen, und drittens brauchen wir im Zweifelsfall das entscheidende Quäntchen Glück.“ Die VfL-Hoffnung auf die Oberliga-Rückkehr ist klein, aber nicht gestorben.
