Kirchheim/Owen. Alles offen – Wer beim Handball-Derby heute Abend einen eindeutigen Tipp abliefern wollte, müsste schon Hellseher sein. Selbst der überraschend klare 32:24-Sieg des VfL im Hinspiel Anfang Oktober macht noch keinen Favoriten. Zu schwankend waren die Leistungen beider Teams gegen Ende der Hinserie. Weder in Kirchheim noch in Owen traut man nach Erfolgen bisher so recht dem Frieden.
Doch Erfolg muss man erst einmal haben. Einen einzigen Sieg aus den zurückliegenden sieben Spielen, das war die magere Bilanz, mit der Kirchheims Coach Ralf Wagner bis vergangenen Freitag leben musste. Der jüngste Sieg gegen Schorndorf war daher mehr als ein Befreiungsschlag. Ohne diesen wäre man am heutigen Samstag wohl völlig verunsichert in der Teckhalle einmarschiert. Wagner weiß: Der Erfolg im Hinspiel ist ein Muster ohne Wert. „Owen ist heimstark, zudem wird uns in der Teckhalle ein heißer Tanz erwarten.“ Die Gastgeber werden sich dabei erneut auf eine offensive Kirchheimer Deckung einstellen müssen, die den TSV-Rückraum bereits im Hinspiel vor größere Probleme stellte. Für Ralf Wagner ist das heutige Duell das erste von zwei Schlüsselspielen. Am 25. Februar geht‘s ins Ermstal zu den momentan punktgleichen Dettingern. „Eines von diesen beiden Spielen müssen wir gewinnen, wenn wir uns die Relegation vom Hals halten wollen.“
Warum also nicht gleich heute? Bis auf den verletzten Fabian Richter und Urlauber Matthias Bauer sind die Kirchheimer komplett. Richter, der seit Oktober an einer Schulterverletzung laboriert, fehlt vor allem im Abwehrzentrum. Für Bauer soll wie schon gegen Schorndorf der 18-jährige Leo Real im linken Rückraum seine Chance bekommen. Auf der rechten Seite hat Rückkehrer Marcel Metzger zuletzt gezeigt, dass er wieder ganz der Alte ist: Seine elf Tore am vergangenen Wochenende beeindruckten auch Owens Trainer Manfred Haase, der im „Schloss“ als Zuschauer auf der Tribüne saß.
Dass Ralf Wagner heute Abend mit dem jungen Tim Osswald und damit einem dritten Schlussmann in Owen anreisen wird, offenbart eine der momentan größten Schwachstellen im Kirchheimer Team. Der VfL hat wider Erwarten ein Torhüterproblem. Weder David Pisch noch Oliver Latzel haben sich in entscheidenden Spielphasen bisher als der große Rückhalt entpuppt. Dabei ließen beide noch vor Saisonbeginn ihr durchaus vorhandenes Potenzial erkennen. Der eine ist 20, der andere 21 Jahre alt. Mangelnde Erfahrung will Wagner aber nicht gelten lassen. „Beide sind im vierten Jahr dabei, irgendwann will ich eine Entwicklung sehen.“
Den beiden die Alleinschuld am bisher enttäuschenden Saisonverlauf zu geben, wäre freilich falsch. Heute muss Ralf Wagner eingestehen, den wahren Leistungsstand seiner Mannschaft vor dem Start im September nicht richtig eingeschätzt zu haben. „Vor Saisonbeginn war ich der Meinung, dass wir deutlich stabiler wären“, sagt er.
Von Stabilität kann auch am Fuße der Teck in dieser Runde keine Rede sein. Immerhin: Seine beiden Torleute sind diejenigen, die Manfred Haase am allerwenigsten Kopfzerbrechen bereiten. Vor allem auf Routinier Thomas Langlinderer war in den vergangenen Spielen regelmäßig Verlass. Haase drückt der Schuh an anderer Stelle. Mit Janick Lehmann und Nico Sigel fehlen beide Spielmacher studienbedingt unter der Woche. Wesentlicher Grund, weshalb der Trainer seinen Jungs in den Weihnachtsferien keine Verschnaufpause gönnte, denn da waren endlich einmal alle beisammen. Lehmann, der in Freiburg studiert und Neuzugang Fabrizio Mosca – bisher treffsicherster Schütze des TSV – hatten bis dahin noch gar keine Gelegenheit, sich aufeinander einzuspielen.
Die ungewöhnlich lange Spielpause seit dem 18. Dezember sieht man in Owen deshalb mit gemischten Gefühlen. „Natürlich wissen wir nach dieser langen Zeit nicht so recht, wo wir stehen“, räumt Haase ein. Dafür war Zeit, spielerische Defizite in Ruhe aufzuarbeiten. Und weil Zeit bekanntlich auch Wunden heilt, steht heute gegen den VfL ein lange Vermisster wieder bereit: Allround-Talent Raphael Schmid soll nach auskurierter Kreuzband-Verletzung zumindest zu einem Kurzeinsatz kommen.
Die beiden anderen Patienten mit gleicher Krankenakte hat Haase dagegen endgültig abgeschrieben. Jörn Lehmann und Sebastian Martin, beides wichtige Stammkräfte im linken und rechten Rückraum, spielen in den Planungen für die Rückrunde keine Rolle mehr. „Wir werden kein Risiko eingehen. Beide sollen sich vollständig auskurieren und nächstes Jahr dann voll angreifen“, meint der Trainer, der damit auch gleichzeitig seine eigenen Pläne offenlegt. Nach einem Seuchenjahr gefrustet abzutreten, kommt für den Mann aus Grabenstetten nicht infrage. „Dieses Jahr habe ich das Training der Mannschaft angepasst“, sagt er. „Jetzt will ich auch wissen was drin ist, wenn‘s umgekehrt läuft.“
TSV Owen: Langlinderer, Raichle – Bäuchle, Büchele, Meissner, Bauer, Lehmann, Schmid, Krüger, Martin, Mosca, Dunkel, Jauss, Sigel
VfL Kirchheim: Pisch, O. Latzel, Osswald – S. Smetak, S. Latzel, Humpfer, Real, Keller, Metzger, F. Smetak, J. Mikolaj, M. Mikolaj, Müller, Schicht, Habermeier
