Rainer Klaus hat während fast einer Million Radkilometer ganz eigene Ansichten zum Thema Ernährung entwickelt
„Gut ist, was nicht nach der Kurve im Straßengraben liegt“

Sport macht Appetit. Viel Sport macht großen Appetit. Wer tausende Kilometer auf dem Hightech-Fahrrad abspult, greift auch beim Thema Ernährung verbal ins Technikfach: „Maschine betanken“ nennt Rainer Klaus ein notwendiges Übel auf seinen Extremtouren. Genuss ist für ihn dennoch kein Fremdwort.

Lenningen. An die ungläubigen Blicke hat er sich längst gewöhnt. Dass er die meisten seiner Vorträge vor fachkundigem Publikum hält, ändert nichts an den Reaktionen. Was Rainer Klaus macht, sorgt für Bewunderung oder für mitleidiges Lächeln. Dazwischen ist nichts. Sein Motto: „Wer das macht, was die Masse macht, wird nie entdecken, wie einzigartig er ist.“ Vergangenen Sommer ist er von seinem Wohnort Hochwang ans Nordkap geradelt und wieder zurück. 7 600 Kilometer in 29 Tagen – solo und mit Gepäck. Was Radfahren für ihn bedeutet?
Diese Frage kann man getrost stecken lassen. Der Mann hat in seinem Leben fast eine Million Kilometer aus den Beinen geschüttelt.

Beine, das sind für ihn die Pleuelstangen seines Antriebsmotors. Der einzige, auf den er sich verlässt und der wie jeder andere betankt und gepflegt sein will. Wie wichtig eine konstante Energieversorgung im Ausdauersport ist, weiß jeder, der schon einmal dem berüchtigten „Hungerast“ erlegen ist. Radfahrer sprechen salopp von „Stecker ziehen“, wenn der Glykogen-Spiegel in der Leber schlagartig in den Keller sackt. Ein hübsches Bild – als Erfahrung eher unangenehm. Woher also den Brennstoff nehmen, wenn tagelange Gewalttouren an den körperlichen Reserven nagen? „Gut ist, was der Körper verlangt und was er verträgt,“ so die einfache Formel des Mannes, der behauptet, noch nie in seinem Sportlerleben irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen zu haben. „Wer sich vernünftig ernährt, der braucht das alles nicht.“

Vernünftig ernähren, das bedeutet für ihn vor allem, zwischen Spitzenbelastungen bei Extremfahrten und dem normalen Alltag zu trennen. Extremfahrten, das sind Mördertouren wie das Race Across America nonstop quer durch die USA, in einem Ritt über 46 Alpenpässe oder die Nord-Süd-Durchquerung des australischen Kontinents, die nach einer Kollission mit einem Dingo 2006 für ihn in der Klinik endete. Bei solchen Unternehmungen wird gegessen und getrunken, was das Angebot entlang der Strecke hergibt. „Alles ist gut“, sagt er, „was Energie liefert und nicht nach der nächsten Kurve wieder im Straßengraben liegt.“ Auf der Fahrt zum Nordkap schlürft er an einer Tankstelle serienweise Ölsardinen aus der Dose, weil der Körper in der Kälte nach Fett verlangt und in der Wüste New Mexicos flößt er sich bei glühender Hitze ein komplettes Glas Honig ein, um den lahmenden Motor schnell wieder auf Touren zu bringen.

Ein Spinner und komischer Kauz wird manch einer denken, doch Rainer Klaus scheint zu wissen, was er tut. „Der Mensch muss offenkundig ein Gefühl dafür entwickelt haben, was unter welchen Umständen gut für ihn ist“, sagt er. „Sonst hätte er nicht Jahrtausende in der Wildnis überlebt.“ Ein natürliches Gefühl, von dem er glaubt, dass es die meisten Menschen durch die Irrungen der Konsumindustrie längst verloren haben. Sein Blutbild sei völlig normal, sein Arzt kein vielbeschäftigter Mensch. Mangelerscheinungen? Fehlanzeige. Auch nach extremsten Belastungen, versichert er.

Dann ist da die andere Seite: der Alltag. Der findet im beschaulichen Hochwang statt, wo er kauft was der bäuerliche Hof oder das einzige Lebensmittellädchen an der Ecke hergibt. Verrückt und degeneriert schwört er, sei das, was in Super-märkten heute als normales Sortiment in den Regalen liegt. Er sieht sich weder als lustfeindlich, noch als Asket. „Ich bin ein Genussmensch, und Belohnung muss sein.“ Für einen Teller Kartoffelgemüse oder saure Kutteln setzt er als bekennender Schwabe auf jede Hammertour freiwillig noch ein paar Kilometer drauf. 40 Stunden Training pro Woche sind kein Grund für einen besonderen Ernährungsplan. Feste Essenszeiten, einen ausgewogenen Speiseplan mit viel Obst, Gemüse und Kohlenhydraten sind das einzige, was er für „elementar wichtig“ hält. „Der Körper wird auch effizienter, je besser er trainiert ist“, sagt er. Wie zum Beweis zieht er eine kleine Plastiktüte aus der Trikottasche und hält sie gegen das Licht. „Um hundert Kilometer auf dem Rad zu fahren, brauchst du nur Wasser und das hier“, meint er mit einem Grinsen. In der Tüte stecken die letzten Krümel eines selbst gebackenen Lebkuchens.

Rainer Klaus (47) ist gelernter Meteorologe, Fotograf und Buchautor. Er lebt in Hochwang. 2006 erschien sein Buch „Träume und andere Realitäten.“ Ein Erfahrungsbericht über das Extrem-Radrennen „XXAlps“, das nonstop über 46 Alpenpässe, 2 272 Kilometer und 55 000 Höhenmeter führt. Rainer Klaus bewältigte diese Strecke 2004 in fünf Tagen und 14 Stunden. Beim „Race Across America“, dem härtesten Langstreckenrennen der Welt, wurde er 2001 Fünfter. Der eigenwillige Schwabe hält zudem immer noch den offiziellen „Höhen-Weltrekord“ im Guinness-Buch der Rekorde – aufgestellt vor der eigenen Haustür: 1996 erklomm er in 24 Stunden 59 Mal die Hochwangsteige und sammelte dabei 15 458 Höhenmeter auf einer Strecke über 530 Kilometer.