Kirchheim. Manche brauchen etwas länger, um sich ins Blickfeld des Talent-Scouts zu dribbeln. Bei anderen klappt es nie. Ulrich Tangl, in Ehren ergraute Eminenz des Basketballs im VfL Kirchheim, musste immerhin fast fünfeinhalb Jahrzehnte warten, bis ihm der internationale Durchbruch gelang. Dann allerdings ging es ziemlich schnell: Zweimal zehn Minuten, zehn Punkte und etliche Assists als Gastspieler im Viertelfinale der deutschen Ü55-Meisterschaft vergangenes Jahr in Möhringen haben gereicht, um die „WM-Norm“ zu knacken. In der geselligen Tafelrunde im Kreise älterer Herren kam am Abend dann die entscheidende Frage auf den Tisch: Ob er sich vorstellen könne, die Mannschaft bei der Senioren-WM im Juni in Brasilien als Spielmacher zu verstärken. Tangl kann, und so wird ein an Histörchen nicht gerade armes Basketballer-Leben kommende Woche um eine Episode reicher.
WM und Brasilien – das klingt nach Sonne, Strand und Samba und nach der ganz großen Sportbühne. In Wahrheit wird die Provinzhauptstadt Natal am östlichsten Zipfel der südamerikanischen Atlantikküste für zehn Tage zum Zentrum basketballerischer Spaßkultur. Rund 60 Seniorenteams aus aller Herren Länder spielen in zehn verschiedenen Altersklassen ihren Weltmeister aus. Dass es dabei nicht streng nach internationalen Standards zugeht, versteht sich von selbst. Mal sind die Mannschaften wild zusammengewürfelt, mal stammen alle Nationalspieler aus einem einzigen Dorfverein. So wie die Turnerschaft aus Halstenbek, eine gleichermaßen basketballverrückte wie reisefreudige Seniorentruppe aus dem hohen Norden, die für VfL-Veteran Tangl vorübergehend zur sportlichen Wahlheimat wird. „Bei denen darf jeder mit, solange er nicht aus Wolfenbüttel kommt.“
Über Rivalitäten und örtliche Gepflogenheiten ist Ulrich Tangl bestens informiert, darüber hinaus wird‘s eher diffus: „Der Trainer heißt Mohammed“, meint er mit einem Schulterzucken. Mehr Details und das vom DBB gestiftete Nationaltrikot gibt es erst vor Ort. Bekannt sind dafür die Gruppengegner. Die heißen Brasilien, Tschechien und Dominikanische Republik und lassen Tangls Einschätzung zufolge ein Weiterkommen als eher fraglich erscheinen.
Billig ist das Rentnertreffen nicht, das sich vom 24. Juni bis 3. Juli über 20 Sportstätten und ebenso viele Hotels in der 750 000-Einwohner-Stadt Natal ergießt. Allein die Startgebühr beträgt 250 Euro – pro Spieler wohlgemerkt. Maxi-Basketball heißt seit Anfang der Neunzigerjahre die weltweite Bewegung ehemaliger Aktiver, bei denen auch im fortgeschrittenen Alter der Spaß am Spiel nicht auf der Strecke blieb. Zu denen zählt sich auch Ulrich Tangl, der mit dem Basketball in Kirchheim verwurzelt ist, seitdem er zwölf ist. Ein basketballerischer Multitasker, der es mit dem VfL immerhin bis in die Regionalliga schaffte. Heute ist er noch immer Geschäftsführer im Bezirk, Jugendleiter im Verein und Spielertrainer der VfL-Dritten in der Kreisliga. Grund, den Korb endgültig hochzuklappen, gibt es eigentlich nur einen: Arthrose im linken Knie. Damit dürfte er bei der WM zwar kaum alleine sein, schmerzhaft ist es trotzdem. Spötter behaupten, der brasilianische Apothekerverband halte in Natal zeitgleich seine Jahrestagung ab. Von 30 bis 75 reicht die Altersspanne der Teilnehmer, die sich in Äquatornähe bei immerhin arthrosefreundlichen Temperaturen dem sportlichen Vergleich stellen. „Spielerisch haben‘s die auch mit siebzig noch drauf“, meint Tangl. „Nur wenn der Ball am Boden liegt, muss ihn der Schiri aufheben.“
