Teilhabe
„Handicap macht Schule“: Wie Blindenfußball für Inklusion sensibilisiert

Das Leuchtturmprojekt des württembergischen Behinderten- und Rehabilitationsverband hat den Sportunterricht der fünften Klasse an der Rauner-Gesamtschule besucht. Der Teckbote war dabei.

Mit Dunkelbrillen auf der Nase einen rasselnden Blindenfußball herumreichen - nur eine der Aufgaben, die die Fünftklässler der R
Mit Dunkelbrillen auf der Nase einen rasselnden Blindenfußball herumreichen - nur eine der Aufgaben, die die Fünftklässler der Raunerschule bewältigen mussten. Foto: Carsten Riedl

Max kann nichts sehen. Nur durch Rufen und Tasten soll er Sophia finden, die wie er als einzige eine Hand frei hat. Alle anderen in der zwölfköpfigen Reihe halten sich bereits an den Händen und haben wie Max und Sophia so genannte Dunkelbrillen auf. Kichernd tapsen die Fünftklässler unbeholfen Hand in Hand durch die Sporthalle, während Max und Sophia sich gegenseitig rufen, um im Trippelschritt tatsächlich ihre Hände finden.

Ohne sehen zu können gemeinsam einen Kreis zu schließen, ist nur eine der Aufgaben, die Benjamin Zoll an diesem Morgen stellt. Der Lehrer der Nikolauspflege Stuttgart, einer Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen, macht mit dem Projekt „Handicap macht Schule“ des württembergischen Behinderten- und Rehabilitationsverband (WBRS) Station im Sportunterricht der Rauner-Gemeinschaftsschule.

Eintauchen in die Welt der Blinden

Dort ist das Projekt bereits seit Jahren Bestandteil des inklusiven Unterrichts, der unter dem Leitsatz „Es ist normal, verschieden zu sein“ steht. Vom Besuch von Benjamin Zoll erhoffen sich die Verantwortlichen neben Spaß vor allem eine nachhaltige Wirkung. „Da Erleben, Reflexion und Begegnung in den Mittelpunkt rücken, lernen die Kinder nicht über Inklusion, sondern durch Inklusion“, betont Ebru Cosan, die als Lehrerin an der Raunerschule den Kontakt zum WBRS herstellte.

Wie das funktioniert, zeigt Benjamin Zoll rund 90 Minuten lang in der Raunersporthalle. „Wir wollen heute in der Welt der Blinden eintauchen“, erklärt er, der wie kein Zweiter über die dafür notwendige Erfahrung verfügt: Zoll war vor seiner Tätigkeit an der Nikolauspflege zwei Jahre Co- und Athletiktrainer der deutschen Blindenfußballnationalmannschaft.

Die Kinder lernen nicht über Inklusion, sondern durch Inklusion.

Ebru Cosan Lehrerin der Rauner-Gesamtschule über den Effekt von „Handicap macht Schule“

Zunächst werden die Kinder mit Springseilen und besagten Dunkelbrillen, wie sie im Blindenfußball üblich sind, ausgestattet. Paarweise soll zum Aufwärmen der oder die „Blinde“ durch den seilführenden Partner durch die Halle manövriert werden, ehe getauscht wird. Nachdem alle gemeinsam den von Zoll geforderten Kreis gebildet haben, kommen Blindenfußbälle zum Einsatz, die mit eingebauten Rasseln signalisieren, wo sich das Leder gerade befindet. Immer noch mit Dunkelbrillen auf den Nasen, sollen die Kinder diese Bälle nun schnell im Kreis herumreichen und auf Kommando von Benjamin Zoll die Richtung wechseln. „Das ist ganz schön anstrengend, oder“, fragt er lachend in die Runde und fordert die Schüler auf, sich für die gelungene Aktion selbst Applaus zu spenden – Kinder fordern, machen lassen und ihr Tun gleichzeitig positiv verstärken, deckt sich komplett mit den Lernzielen, die die Schulverantwortlichen verfolgen. „Wenn Kinder selbst erfahren, wie herausfordernd bestimmte Situationen sind, entwickeln sie ein ganz anderes Verständnis“, weiß Ebru Cosan, „viele merken erst dann, wie viel Können, Mut und Training hinter diesen Sportarten steckt und zeigen danach deutlich mehr Verständnis und Respekt.“

Immer dem rasselnden Ball nach

Um das Verständnis speziell für Blindenfußball zu vertiefen, packt Benjamin Zoll noch eine Schippe drauf: Nachdem er erklärt hat, dass sich Spieler mit den Händen vor Augen und Bauch schützend über das Spielfeld bewegen und durch das Kommando „voy“ auf sich aufmerksam machen, lässt er die Fünftklässler mit den Dunkelbrillen durch die Halle laufen. Erst langsam, dann schneller und unter viel Gelächter und Gestolper schließlich dem rasselnden Blindenfußball hinterher, den Zoll alle paar Sekunden schüttelt. Danach sollen die Kinder wieder paarweise mit so vielen Ballkontakten wie möglich zum jeweiligen Partner dribbeln, ehe sie versuchen, sich das Leder gegenseitig abzunehmen.

„Gar nicht so leicht, oder?“, fragt Benjamin Zoll zum Abschluss der Doppelstunde im obligatorischen Sitzkreis, in dem er von den Kindern auch wissen will, was Inklusion ihrer Meinung nach ist. „Vielleicht, dass alle zusammen über das Gleiche reden“, rätselt ein Junge. „Da liegst du schon ganz nah dran“, freut sich Zoll, der sich mit einem Wunsch von der Gruppe verabschiedet: „Überlegt euch, wie man anderen Menschen helfen kann, die vielleicht nicht so gesund sind wie ihr, und wie ihr sie in euer Leben und euren Alltag einbeziehen könnt.“

Unter der Anleitung von Benjamin Zoll erfahren die Kinder an der Raunerschule die Welt des Blindenfußballs. Foto: Carsten Riedl
Unter der Anleitung von Benjamin Zoll erfahren die Kinder an der Raunerschule die Welt des Blindenfußballs. Foto: Carsten Riedl

Sollte dies gelingen, würde es die ohnehin schon positiven Erfahrungen der Raunerschule mit dem Projekt verstärken. „Wir erleben, dass die Kinder nachhaltig sensibler im Umgang miteinander werden, mehr Empathie entwickeln und Unterschiede als selbstverständlich akzeptieren“, berichtet Ebru Cosan, „diese positiven Effekte zeigen sich nicht nur im Sportunterricht, sondern auch im schulischen Alltag und im sozialen Miteinander der Klassen.“

Kein Wunder also, dass die Verantwortlichen das Projekt anderen Schulen nur wärmstens empfehlen können: „Es verbindet Bewegung, Begegnung und Wertevermittlung auf eine sehr authentische Weise“, lobt Cosan, die inklusive Projekte gerne noch mehr in den Schulalltag integrieren würde. „Dafür brauchen Schulen aber vor allem mehr Zeit, mehr Fachpersonal und verlässliche externe Partner.“

Als Vertreter eines solchen bricht auch Benjamin Zoll dem zuletzt vor allem durch Tübingens OB Boris Palmer in die Kritik geraten Thema Inklusion eine Lanze. „Man darf nicht nur über Inklusion sprechen, sondern muss sie umsetzen, indem man sie lebt.“

Weitere Informationen zu den Aktivitäten des württembergischen Behinderten- und Rehabilitationsverbands gibt es unter www.wbrs-online.de

Berührungsängste abbauen und offenen Umgang fördern

Handicap macht Schule (HMS) ist das Leuchtturmprojekt des Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes (WBRS) zum Thema Miteinander im Sport. Das Projekt steht für Vielfalt und die Überzeugung, dass Unterschiede selbstverständlich zum gesellschaftlichen Zusammenleben gehören.

Ins Leben gerufen wurde das Projekt im Schuljahr 2013/14 vom WBRS in Zusammenarbeit mit der SportRegion Stuttgart. Was mit 27 Schulen im Großraum Stuttgart begann, ist inzwischen ein landesweites Angebot: Heute besuchen speziell geschulte Trainerinnen und Trainer jährlich rund 60 Schulen in ganz Württemberg.

Im Mittelpunkt steht das praktische Erleben. Schulklassen ab der vierten Jahrgangsstufe erhalten die Möglichkeit, Behindertensport selbst auszuprobieren – unter anderem im Rollstuhlbasketball und Blindenfußball. Dabei erfahren die Schüler unmittelbar, welche Herausforderungen, aber auch welche sportlichen Fähigkeiten und Teamleistungen mit diesen Sportarten verbunden sind.

Ziel ist es, Kinder und Lehrkräfte für das Thema Behinderung zu sensibilisieren, Berührungsängste abzubauen und einen offenen Umgang miteinander zu fördern. Das Projekt will Inklusion, Teilhabe und Vielfalt dadurch erlebbar machen.tb