Kirchheim. Knapp zwei Wochen vor den deutschen Hallenmeisterschaften steht die Hochburg des kurzen Hallensprints nicht in Kirchheim, sondern in Wattenscheid. Die TVW-Athleten Julian Reus (6,59 Sekunden) und Christian Blum (6,61) führen die aktuelle 60-Meter-Bestenliste an, sind außerdem die beiden einzigen, die bereits die Norm für die Hallen-WM in Istanbul (6,62) unterboten haben. Reus ist mit seiner Zeit momentan sogar fünftschnellster 60-Metersprinter der Welt. Das Kirchheimer Trio Tobias Unger (6,70), Marius Broening (6,75) und Alex Schaf (6,76) folgt in der DLV-Topten auf den Plätzen vier, fünf und sieben, ist damit vom Ticket in die Türkei noch ein gutes Stück entfernt.
Zumindest Unger gerät deshalb aber (noch) nicht in Panik. „Bis zur deutschen Meisterschaft ist ja noch Zeit“, sagt der 32-Jährige. Für das morgige Meeting in Düsseldorf hat er sich den Finaleinzug und eine schnelle Zeit als hohe Ziele gesetzt. Dass Ersteres von Letzterem abhängen wird, macht ein Blick auf die Startliste deutlich. Neben Reus und Blum haben unter anderem auch internationale Top-Sprinter wie Kim Collins, 100-Meter-Weltmeister von 2003 aus St. Kitts and Nevis sowie Ronald Pognon, Ex-Europarekordler über 60 Meter (6,45) aus Frankreich gemeldet. Beide haben ihre besten Zeiten zwar schon hinter sich, sind aber dennoch keine Gegner von Pappe. Gleiches gilt für den Italiener Emanuele di Gregorio, italienischer Staffel-Silbermedaillengewinner bei der WM 2010, und den Nigerianer Egwero Ogho-Oghene, der vergangenes Jahr in Düsseldorf in 6,60 Sekunden Fünfter wurde.
Unabhängig davon, gegen wen Unger in seinem Vorlauf (19.51 oder 19.58 Uhr/Finale 20.53 Uhr) antreten muss, sind die Voraussetzungen nicht optimal. Schließlich war er in den vergangenen Tagen stark erkältet, konnte nicht voll trainieren. Auch deshalb verzichtete er gestern Abend auf einen Besuch im Daimlerstadion beim Pokalspiel VfB gegen Bayern. „Ich hatte Karten, hab‘ die aber vorsichtshalber lieber Marius und seiner Freundin geschenkt“, so Unger, der das Südderby stattdessen von der heimischen Couch in Kirchheim aus verfolgte. „Mal sehen, ob und wie mir die Erkältung einen Strich durch die Rechnung macht“, sagt er, der bereits heute nach Düsseldorf anreist. Wenn‘s dort mit der WM-Norm nicht klappen sollte, peilt Unger für kommende Woche einen außerplanmäßigen Start bei einem Meeting an. Wo genau, ist noch offen.
Dass es dieses Jahr kein Heimspiel mehr in Form des Sparkassen-Cups gibt, bedauert er gleich doppelt. Schließlich war Unger erst im Dezember zurück ins Ländle gekehrt, startet mittlerweile bekanntlich für den VfB Stuttgart. „Klar ist das schade“, sagt er, „es war immer was ganz Besonderes, in der Schleyerhalle zu laufen. Im VfB-Dress wär‘s natürlich nochmal so schön gewesen.“ Kritische(re) Worte zum Aus des Topevents sind ihm verständlicherweise nicht zu entlocken, hat doch die Sparkasse seinen Wechsel zum VfB erst möglich gemacht.
Nichtdestotrotz hinterlässt der Sparkassen-Cup eine Lücke, die nicht nur die für das Meeting Verantwortlichen ratlos zurücklässt (siehe neben stehendes Interview). Schließlich bot die Veranstaltung in Form von Schülerwettbewerben auch dem Nachwuchs eine Bühne, auf der Kindern und Jugendlichen die Begeisterung für die Leichtathletik nahegebracht wurde. Nicht umsonst hatte Jürgen Scholz, der Präsident des württembergischen Leichtahtletikverbands, nach dem Aus der Veranstaltung geklagt: „Das ist ein harter Schlag für die Leichtathletik.“
Eurosport überträgt morgen Abend von 19 bis 21 Uhr live aus Düsseldorf.
