Leistungssport zu betreiben, bedeutet Verzicht zu üben, eiserne Disziplin zu wahren, fokussiert zu bleiben. Radsport ist mehr als das. In der vielleicht härtesten und zeitintensivsten Sportart der Welt zählen nur Wille, ein starker Körper und ein noch stärkerer Geist. Sein halbes Leben lang hat Jannik Steimle alles diesem Sport untergeordnet. Er hat Siege errungen, Siege ermöglicht und sich an der Seite von Weltstars wie Julian Alaphilippe, Remco Evenepoel, Sam Bennett oder Tom Pidcock einen Lebenstraum erfüllt. Nach zehn Jahren ist jetzt Schluss. Sein Zieleinlauf am 13. Oktober auf der Schlussetappe der Tour de Kyushu in Japan war sein letzter.
Ein Entschluss, der langsam aber stetig gereift ist, bis jetzt, ein halbes Jahr vor seinem 30. Geburtstag. Begonnen hat alles schon im vergangenen Winter, als er noch einmal alles in die Waagschale warf. „Meine Leistungswerte waren so gut wie nie zuvor“, sagt Jannik Steimle. Nicht gut genug, um an frühere Ergebnisse anknüpfen zu können. An Zeiten, da er bei Quick-Step als Helfer mit unendlich erscheinender Leidensfähigkeit seinen Anteil am Erfolg hatte. Der angedachten Leaderrolle beim Schweizer Rennstall Q36.5 hingegen konnte er später nie gerecht werden. Die Lücke zur Spitze, so die schmerzhafte Erkenntnis, sie ist größer geworden. Das Leistungsniveau im Radsport steigt rasant, die Konkurrenz wird immer jünger. „Es gibt Manager, die haben inzwischen 15-Jährige unter Vertrag“, sagt der Weilheimer. „Irgendwann hab ich gemerkt, dass ich nicht mehr bereit war, diesem wachsenden Druck zu folgen“. Zeit also, Bilanz zu ziehen.
Arroganz und Egoismus sind wie ein Schutzschild.
Jannik Steimle zu den Schattenseiten im Profi-Radsport.
Steimle gilt seit jeher als Instinktmensch. Doch dafür ist in diesem Sport, wo sich das Rad immer schneller dreht, kaum mehr Platz. Immer weniger, dafür umso größere Teams, die den Markt unter sich aufteilen. Den Alltag der Fahrer diktieren klare Normen. Tägliche Gewichtskontrolle, Körperfettanalysen, ein strikter Trainings- und Ernährungsplan, dazu mehr als 250 Reisetage im Jahr neben unangekündigten Dopingkontrollen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Als seine Frau Lara im Sommer den kleinen Marlon zur Welt brachte, ging es für den Papa nach einer schlaflosen Nacht im Krankenhaus auf direktem Weg zum nächsten Rennen. Für ihn ein einschneidender Moment. „Spätestens da war mir klar, dass ich das alles nicht mehr wollte“.
Selbst das Heft in der Hand behalten. Nicht warten, bis eines Tages kein neuer Vertrag mehr auf dem Tisch liegt – das war ihm wichtig. Einen Spalt weit blieb die Tür noch offen, bis zur endgültigen Entscheidung im Herbst. Was also bleibt? Die Erinnerung an vier Profisiege seit seiner Vertragsunterzeichnung im Herbst 2019 bei Quick-Step, dem lange Zeit besten Team der Welt. Ein Etappensieg bei der Slowakei-Rundfahrt vor vier Jahren, bei dem er den dreifachen Weltmeister Peter Sagan auf den letzten Metern stehen ließ. Ein Platz auf dem Podium am Ende der 15. Etappe der Vuelta 2020 oder seine Starts bei zwei der bedeutendsten Eintagesrennen der Welt, der Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix. „Darauf bin ich stolz“, sagt Jannik Steimle. „Das war immer ein Kindheitstraum, an den zu glauben, ich nie gewagt hätte“.
Seit diesem Monat steht das Rad nun immer häufiger in der Garage. Statt auf zwei Rädern ist der Wahl-Schorndorfer regelmäßig auf zwei Beinen unterwegs. „Beim Joggen ist der Zeitaufwand geringer“, sagt er. Und Zeit, ist das, was zählt. Im Wettkampf und – mehr noch – im Leben. Zeit mit der Familie, Zeit mit lange vernachlässigten Freunden. Der Sport prägt auch den Charakter. „Als Radprofi durchs Leben gehen, das kannst du machen, wenn du kein Sozialleben hast“, sagt Steimle. Freundschaften sind weggebrochen. Er hat angefangen zu filtern, hat polarisiert, ist angeeckt. „Arroganz und Egoismus sind wie ein Schutzschild“, sagt er. „Egoismus hilft dabei, Ergebnisse zu erzielen, ohne Rücksicht auf Verluste“. Im Leben, wie auch im Rennen. Seine vielen Stürze, die ihn immer wieder aus der Bahn warfen, seine schweren Verletzungen mit zahlreichen Knochenbrüchen, „das alles“, sagt er, „kommt nicht von ungefähr“.
Gemeinsames Cafe´in Esslingen
Risikomanagement im neuen Leben folgt jetzt mehr dem Blick auf Zahlen und Bilanzen. Während er auf den Rennstrecken dieser Welt sein Geld verdiente, hat seine Frau als erfolgreiche Unternehmerin neue Geschäftsfelder erschlossen. Vergangenen Sommer öffnete unter ihrer Regie das neue Bowlingcenter im Esslinger Dick-Areal seine Pforten. In zwei Wochen geht ganz in der Nähe das „Cafe´Kollwitz“ als erstes gemeinsames Projekt an den Start. „Cafe´und Radsport passen gut zusammen“, findet Jannik Steimle. Koffein und Adrenalin sind ja irgendwie verwandt.

