Kirchheim. Am Anfang war es nur ein kurzer, stechender Schmerz im Arm. Nichts, was die junge Frau mit dem Pferdeschwanz weiter gestört hätte. Schließlich fällt man beim Judo ständig auf und über allerlei Gliedmaßen, und dass sie sich im ersten Kampf der Süddeutschen Meisterschaften vor dreieinhalb Wochen in Heubach ernsthaft verletzt haben könnte, hätte Marie Fieweger zunächst nicht gedacht. Doch als ihr rechter Arm am nächsten Tag immer weiter anschwoll, ließ sie die Blessur vorsichtshalber im Krankenhaus untersuchen. Diagnose: Starke Bänderdehnung und Kapselverletzung im Bereich des Ellbogens. „Wenigstens war nichts gebrochen“, sagt die 16-Jährige, die sich in Heubach trotz dieses Handicaps auf den dritten Platz kämpfte und damit den größten Erfolg ihrer immerhin schon zehn Jahren dauernden Judolaufbahn landete: die Quali für die Deutsche U21-Meisterschaft.
Das hat aus Reihen des VfL zuletzt Sandra Deuringer im Jahr 2006 geschafft. Deren Mutter ist Marie Fiewegers Trainerin und mächtig stolz auf ihren Schützling. „Wir sind keine Sportschule, sondern nur ein kleiner Verein. Da ist es ein echtes Highlight, wenn es jemand zu den Deutschen Meisterschaften schafft“, sagt Gabi Deuringer.
Dabei war der Weg dorthin auch ohne die Verletzung schon holprig genug. Fieweger hätte ursprünglich bei den Süddeutschen Meisterschaften vor vier Wochen in ihrer angestammten Altersklasse U18 ums DM-Ticket kämpfen sollen. Doch hatte eine Grippe die gebürtige Aachenerin in der Woche vor den Wettkämpfen derart geschwächt, dass an eine Teilnahme nicht zu denken war. „Das hat mich echt gefrustet“, gibt die Trägerin des braunen Gürtels zu, zumal sie sich gegen die wesentlich ältere und erfahrenere Konkurrenz bei den U21-Titelkämpfen auf süddeutscher Ebene deutlich weniger Chancen aufs DM-Ticket ausrechnete – warum es trotzdem klappte? „Ich wollte das unbedingt und hatte wohl den Überraschungseffekt auf meiner Seite“, erklärt sie lachend den Coup. Für ihre Trainerin kommt Fiewegers Erfolg allerdings nicht von ungefähr. „Sie hat einen starken Willen und viel Talent“, lobt Gabi Deuringer.
Auf beides ist man auch außerhalb Kirchheims bereits aufmerksam geworden. Nachdem sie sich auch 2010 und 2013 für die Süddeutschen Meisterschaften hatte qualifizieren können, wurde die Kirchheimerin zu Verbandslehrgängen eingeladen, auch der Judostützpunkt in Steinheim hat bereits angeklopft. „Das wäre aber vom Aufwand her zu stressig“, winkt sie ab. Stattdessen verstärkt sie ab dieser Saison die Frauenmannschaft des VfL Ulm in der Württembergliga, immerhin dritthöchste Klasse in Deutschland. Die Donaustädter haben keine Kämpferin in Fiewegers Gewichstklasse bis 48 Kilo, lassen die Kirchheimerin dafür aber auch weiter beim VfL trainieren. Einziger Wermutstropfen: Auf den ersten Ligawettkampf wird Marie zugunsten der DM verzichten müssen, die am kommenden Wochenende in Frankfurt/Oder stattfinden.
Dort hätte ihr Trainerin Gabi Deuringer, die Marie drei Mal die Woche für 90 Minuten auf die Matte bittet, unter normalen Umständen einen Platz unter den ersten neun zugetraut. Doch macht die Verletzung eine Prognose schwer, zumal sie seit Heubach nur eingeschränkt trainieren konnte. „Es geht besser als erwartet, aber weh tut‘s trotzdem noch bei bestimmten Bewegungen“, sagt sie. Den DM-Trip an die polnische Grenze wird die ehrgeizige Nachwuchsjudoka trotz des lädierten Arms auf jeden Fall antreten. „So eine Chance kommt vielleicht nie wieder“, ahnt Marie Fieweger, die kommendes Jahr Abitur macht und danach ins Ausland will. „2014 ist für mich mehr oder weniger das letzte Jahr ohne größeren Stress. Da will ich im Judo auf jeden Fall noch mal Gas geben.“
Und wer weiß: Vielleicht kann sie mit ihrem eisernen Willen in Frankfurt trotz des Handicaps für eine weitere Überraschung sorgen. „Ich versuche einfach nicht daran zu denken“, lacht sie.
