Kirchheim. Das Spiel gegen den neuen Tabellenführer war nach dem frühen 0:2-Rückstand eine Stunde lang die Vorstellung einer gesichtslosen Truppe ohne Identifikationsfiguren. „Eine Frage des Charakters“, wie Trainer Ralf Rueff treffend bemerkte. Während sich die Schwäbisch Haller auf dem Feld lautstark gegenseitig motivierten, herrschte beim VfL lähmende Stille auf und neben dem Platz.
Es ist bekannt, dass der Kader den Ansprüchen dieser Klasse kaum genügt. Die Mannschaft kann nur bestehen, wenn sie über den Kampf kommt und immer ein paar Prozent mehr in die Waagschale wirft als der Gegner. Das war am Samstag nicht der Fall, obwohl der tiefe, unebene Boden dem VfL eigentlich hätte entgegenkommen müssen. Aber nur die Haller bewiesen, dass man auch auf diesem schwierigen Geläuf flüssig kombinieren kann.
Klammert man einen Dauerrenner wie Marcel Helber aus, der stets mit gutem Beispiel voran geht, so hat bei vielen am Samstag die Einstellung nicht gestimmt. Die Körperspannung fehlte, der unbedingte Siegeswillen, das Premierenfieber nach über drei Monaten Spielpause wie es der erfahrene Co-Trainer Janusz Szuta beschreibt: „Ich konnte in den letzten Tagen kaum schlafen, so aufgeregt war ich vor dem ersten Spiel.“ Auch außerhalb des Platzes ließ manches zu wünschen übrig, was sich an zwei kleinen Beispielen belegen lässt: Keiner der jungen Ersatzspieler trug nach dem Abpfiff die Stühle vom Spielfeldrand in die Kabine, sondern der „ältere Herr“ Szuta. Oder das: Die Haller Mannschaft verließ ihre Kabine aufgeräumt und sauber, beim VfL sah es hinterher aus wie unter Hempels berühmtem Sofa.
Enttäuschend auch das mangelnde Interesse der Fans. Die Vereinsführung hatte nach der langen Pause berechtigterweise auf mehr Andrang und einen warmen Regen für die klamme Vereinskasse gehofft. Vergeblich. Nur 160 zahlten Eintritt. Als Folge der desolaten Vorstellung vom Samstag werden es beim nächsten Mal wohl noch weniger sein. Die Fans strafen die Mannschaft für ihre unattraktive und erfolglose Spielweise ab. Der VfL hat ein ähnliches Problem wie derzeit in Stuttgart der VfB: Er spielt das Stadion leer.
Kirchheim taumelt weiter Richtung Abstieg. Vier Teams müssen wohl runter, abhängig davon, wer aus der Oberliga absteigt. Der Fünftletzte ginge dann in die Relegation. Für den VfL hat sich der Abstand zum rettenden Ufer erneut vergrößert. Um die Klasse zu halten, bedarf es nun schon eines kleinen Wunders. Und das kann nur eintreten, wenn es dem Trainer gelingt, die Leidenschaft zu wecken. Die Hoffnung besteht. „Ich weiß, dass sie es besser können, als sie es diesmal gezeigt haben“, sagt Ralf Rueff. Den Beweis lieferte seine Mannschaft kurz vor der Winterpause beim 3:1 gegen Göppingen, einem Sieg der Moral, die diesmal abhanden gekommen ist.
