Vor dem direkten Duell zwischen Kirchheim und Weilheim hat sich das Kräfteverhältnis im lokalen Fußball zugunsten des TSVW verschoben
(K)ein Spiel wie jedes andere

Wenn der VfL Kirchheim am Sonntagmorgen um 11 Uhr den TSV Weilheim zum Landesligaduell an die Jesinger Allee bittet, wird es weit mehr als das Duell des Tabellenzwölften gegen den Fünften sein. Das erste direkte Punktspielduell der beiden Nachbarn überhaupt markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, in der sich der TSVW immer mehr als neue Nummer eins in der Teckregion herauskristallisiert.

Kirchheim. Dass sich das Kräfteverhältnis im lokalen Fußball nicht erst seit dem beispiellosen Kirchheimer Absturz aus der Ober- in die Landesliga von der Teck Richtung Limburg verlagert hat, wird bei einem bloßen Blick auf die aktuelle Tabelle deutlich: In nackten Zahlen ausgedrückt, erwartet der Tabellenzwölfte VfL am Sonntag den Tabellenfünften TSVW.

Doch die beiden Lokalrivalen trennt weit mehr als nur die sechs Kilometer zwischen den Sportplätzen oder die zwölf Punkte in der Tabelle. Während der VfL sich immer noch müht, auf der seit dem Mosolf-Rückzug vor zwei Jahren verbrannten Erde etwas Fruchtbares zu pflanzen, fahren sie in Weilheim die Ernte nachhaltiger Arbeit auf und neben dem Rasen ein. Dass sich TSVW-Gönner Rudi Lechner aus Dürnau dabei im Gegensatz zum Fußballlaien Mosolf als Mann mit Sachverstand erweist, ist eines vieler wichtiger Teilchen im Weilheimer Erfolgspuzzle. Gleichzeitig sind Schlüsselpositionen in der Abteilung seit Jahren mit vereinstreuen Vasallen besetzt, die kontinuierlich für den TSVW arbeiten.

Einer davon ist Spielleiter Günther Friess, der gemeinsam mit Trainer Alexander Hübbe (Foto links), dessen Co Danell Stumpe sowie den Jugendkoordinatoren Uwe Heth und Thomas Gundelsweiler als Architekt des Weilheimer Erfolgsmodells gilt. Von einer Wachablösung im lokalen Fußball will er trotz der Entwicklung der vergangenen beiden Jahre nichts wissen. „Auf lange Sicht kommt der VfL wieder auf die Beine“, glaubt Friess, der sich da­rum vor dem Lokalkampf auch die Mutter aller Phrasen nicht verkneifen kann. „Derbys haben ihre eigenen Gesetze“, schiebt er die den Weilheimern gemäß Tabelle eigentlich zustehende Favoritenrolle von sich.

Der TSVW tut in der Tat gut daran, den VfL nicht zu unterschätzen. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an das vergangene Wochenende, als man beim 3:3 gegen Kellerkind Schnaitheim zwei Punkte liegen ließ. „Das sollte uns eine Warnung sein, in jedem Spiel 100 Prozent zu geben“, mahnt Günther Friess, zumal die Weilheimer auf fremden Plätzen alles andere als eine Macht sind: Von 18 möglichen Punkten holte der TSVW bislang gerade mal acht – warum? „Wir spielen daheim mehr auf Sieg, sind auswärts auch schnell mal mit einem Punkt zufrieden“, weiß Friess.

Obwohl ein Remis für die Kirchheimer angesichts der Weilheimer Übermacht einem gefühlten Sieg gleichkäme, wissen sie an der Jesinger Allee, dass ein Zähler eigentlich zu wenig wäre. „Zum ersten Nichtabstiegsplatz sind es schon sechs Punkte“, rechnet der Sportliche Leiter Norbert Krumm, der sich vor dem Nachbarn keinesfalls verstecken will. „Wir werden denen die Punkte sicher nicht im Briefkuvert überreichen“, sagt das VfL-Urgestein, das den Schlüssel zu einem möglichen Kirchheimer Coup in den ersten 20 Minuten der Partie wähnt. „Da sind uns bislang die meisten Fehler unterlaufen. Wenn wir das minimieren und von der ersten Sekunde an hoch konzentriert sind, ist etwas möglich“, so Krumm.

Dass es die Teckstädter besser können, als beim bitteren 0:3 vergangenes Wochenende gegen Waldstetten, haben sie bei ihren Siegen gegen Geislingen und Echterdingen bewiesen – beides übrigens ähnlich spielstarke Teams wie die Weilheimer, was den Kirchheimer Trainer optimistisch stimmt. „Gegen solche Mannschaften sehen wir immer besser aus“, weiß Erol Sarikoc (Foto rechts), der eine Überraschung am Sonntag für möglich hält. „So verrückt, wie die Liga tickt, ist das nicht ausgeschlossen.“

Gleichzeitig wäre ein Kirchheimer Sieg Balsam für die VfL-Seele, die partout nicht zur Ruhe kommen will. So erhebt Ex-Spieler Tino Jungblut schwere Vorwürfe gegen die Abteilungsoberen. „Vor der Saison wurden Prämien versprochen, die bis heute nicht gezahlt wurden“, klagt der 23-Jährige, der vergangene Woche gemeinsam mit Fabian Gollert seinen Hut nahm. Hintergrund sind unter anderem Zwistigkeiten mit Stürmer Fatih Özkahraman, dessen Name bereits beim Abschied von Ex-Kapitän Manuel Doll gefallen war. „Es kann doch nicht sein, dass drei Spieler gehen, nur weil sich einer nicht im Griff hat“, sagt Jungblut, der Özkahraman einen rüden Umgangston und mangelnde Kameradschaft ankreidet – ein Vorwurf, den Norbert Krumm nur schwer nachvollziehen kann. „Jüngere Spieler müssen sich von älteren halt auch mal was sagen lassen“, meint der Spielleiter – die Art und Weise spielt dabei offenbar eine untergeordnete Rolle, glaubt man Tino Jungblut. „Wenn sich einer so viel erlauben darf, ohne dass reagiert wird, ist es einfach nur schade. Ich weiß, dass in der Winterpause noch andere Spieler wegen Fatih den Verein verlassen wollen.“

Unabhängig davon ist Norbert Krumm eigenen Angaben zufolge bereits mit potenziellen Neuverpflichtungen für die Rückrunde im Gespräch („ein paar Ex-Kirchheimer sind interessiert“), und auch die deutschlandweit wohl einmalige Regelung, nach der VfL-A-Junioren nicht in der Ersten aushelfen sollen, steht laut Krumm vor dem Fall. „Ich will endlich wieder Struktur und Ruhe in den Laden bringen“, betont er.