Auch nach dem „Jahr des Schiedsrichters“ sind Unparteiische im Handball weiter Mangelware
Keiner liebt ihn – Jeder braucht ihn

Not macht erfinderisch: 2010 haben die drei Handballverbände in Baden-Württemberg das „Jahr des Schiedsrichters“ ausgerufen. Drei Jahre später kann von einem Boom nicht die Rede sein. Allein im Gebiet des württembergischen Handballverbands (HVW) fehlen derzeit rund 700 Unparteiische in den Vereinen. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie das Beispiel der SG Lenningen zeigt.

Kirchheim. Führungskräfte auf dem Spielfeld, Respektspersonen an der Pfeife – mit solchen Bildern versuchen die Handballverbände in der Republik das Amt des Schiedsrichters zu bewerben. Dass die Realität meist anders aussieht, macht es immer schwerer, Freiwillige für diese Aufgabe zu rekrutieren. Die Bereitschaft in den Vereinen sinkt, sich am Wochenende für geringes Entgelt zum Buhmann zu machen und von Zuschauern, Trainern oder Spielern beschimpfen zu lassen. Rund 700 Unparteiische, rechnet Verbandsschiedsrichterwart Bernd Andler vor, fehlen allein in Württemberg. Dabei schien eine groß angelegte Kampagne vor zwei Jahren Wirkung zu zeigen. 2010 rief der HVW das „Jahr des Schiedsrichters“ aus, rührte mit Flyern, Plakaten und Buttons kräftig die Werbetrommel in den Vereinen. Als Folge davon, schoss die Zahl der Neulinge im selben Jahr um 19 Prozent in die Höhe. „Dieser Effekt ist dabei, zu verpuffen“, stellt Andler heute ernüchtert fest.

Der 51-jährige ehemalige DHB-Schiedsrichter, der es in der Bundesliga und auf internationalem Parkett auf rund 600 Einsätze brachte, kennt das Kernproblem: Rund 80 Prozent der Neulinge geben die Pfeife nach der ersten Saison wieder ab. Wer in der aufgeheizten Atmosphäre der Hallen bestehen will, braucht ein gesundes Selbstbewusstsein und entsprechende Erfahrung, die freilich erst erlangt sein will. Erfahrung, die deprimierend sein kann und einem im besten Fall Wertvolles mit auf den Weg gibt. „Man lernt, in kürzester Zeit Entscheidungen zu treffen und auch eigene Fehler zu vertreten“, sagt Andler. „Das sind Dinge, die man fürs Leben lernt und die auch in jedem Beruf heute gefordert werden.“ Ohne Idealismus bleibt dennoch keiner lange dabei. Für ein Spiel auf Bezirksebene gibt es im Aktivenbereich 28 Euro plus Fahrtkosten auf die Hand. Dafür muss man sich nicht selten eine gute Stunde lang beschimpfen, verhöhnen oder gar ernsthaft bedrohen lassen.

Rund 2 400 Schiedsrichter versehen im HVW den Dienst an der Pfeife. Die Quote, die jeder Verein zu erfüllen hat, folgt einer einfachen Rechnung: ab der B-Jugend ist für jede Mannschaft ein Schiedsrichter abzustellen Doch nur die Hälfte der Vereine erfüllt diese Norm. Das Problem: Es gibt die Möglichkeit, sich freizukaufen. Das für jeden fehlenden Unparteiischen eine Geldstrafe von 300 Euro fällig wird, klingt zunächst abschreckend. Bernd Andler kennt jedoch die Praxis und hält die Sanktionen deshalb für kontraproduktiv. „Viele zahlen von vornherein freiwillig, bevor sie sich die Mühe machen, geeignete Leute zu finden und zu Lehrgängen zu schicken,“ sagt er. Meist seien dies gerade jene schwarzen Schafe unter den Vereinen, die den Schiris in der Halle dann regelmäßig das Leben schwer machten.

Es gibt aber auch solche, die das Soll alljährlich übertreffen. Bei der SG Lenningen sind derzeit zehn Schiedsrichter und eine Schiedsrichterin im Einsatz, neun wären vom Bezirk gefordert. Manche davon pfeifen seit mehr als 20 Jahren. Koordiniert wird das Ganze von einem 22-Jährigen, der das Amt des Schiedsrichterwarts mit 19 Jahren übernommen hat. Seine Entscheidung begründet er mit einem Satz, den man heute nur noch selten hört: „Ich wollte im Verein mehr Verantwortung übernehmen“, sagt Marc Bächle.

Damit folgt er einer langen Familientradition, die auch der jüngere Bruder und der Onkel pflegen, die ebenfalls Woche für Woche in den Hallen unterwegs sind – als Schiedsrichter wie auch als Spieler. Wer einen Heimspieltag in der Lenninger Sporthalle besucht, stößt quer durch alle Jahrgänge früher oder später auf den Namen Bächle. „Aus dem Bächle ist bei der SG ein Fluss geworden“, lacht der Opa. Brüder, Söhne, Neffen, Nichten und Enkelkinder, alle haben sie in Lenningen in irgendeiner Weise mit Handball zu tun. Dem 76-jährigen Familienoberhaupt macht in puncto Regelkunde bis heute keiner so leicht etwas vor. Rund 1 000 Spiele, so schätzt Manfred Bächle, hat er in drei Jahrzehnten als Unparteiischer gepfiffen. In früheren Jahren draußen auf dem Großfeld, in der Halle bis hinauf zur Frauen-Oberliga. Seine Schiedsrichterprüfung datiert vom 16. März 1962. Ein Datum, das wie aus der Pistole geschossen kommt. Dass er den Tag vermutlich nie vergessen wird, ist leicht zu erklären: „Ein paar Stunden drauf kam der Roland, unser Stammhalter, zur Welt.“

Dass dem heutigen Nachwuchs an der Pfeife mitunter das Durchhaltevermögen fehlt, dafür äußert der Senior Verständnis. „Die werden heute doch immer jünger“, glaubt er den Grund zu kennen. „Da lässt man sich halt‘ leichter einschüchtern als im reiferen Alter.“ Er selbst hat mit 27 Jahren sein erstes offizielles Spiel gepfiffen. Dass der Ton in den Hallen heute rauer geworden ist, sei ein Mythos. „Das war früher auch nicht anders. Vor allem dort, wo man sich kannte, ging es immer heiß her.“

Wie man gerade dann kühlen Kopf bewahrt, wenn die Halle kocht, ist eine Kunst die erlernbar ist. Thomas Dieterich, Geschäftsführer des HVW in Stuttgart fordert deshalb seit längerem, dass in der Schiedsrichterausbildung dem psychologischen Aspekt mehr Beachtung geschenkt wird. „Regeln lernen, kann man auch zuhause“, meint er. „Deeskalierendes und besonnenes Auftreten nicht.“ Dafür bräuchte es allerdings externe Fachleute, die Geld kosten, das der Verband nicht hat.