Engpass
Krisenmodus unterm Hallendach: Was Betroffene zum Mangel sagen

Marode Infrastruktur, volle Hallen und kein Geld für Neubauten: Schul- und Vereinssport in Kirchheim stoßen immer häufiger an ihre Grenzen.

Zu wenig Platz bei viel Bedarf: Die Hallenkapazitäten in Kirchheim reichen aktuell nicht aus. Symbolbild

Zwei Stunden Sport pro Woche im schuleigenen Kraftraum statt in der Halle – für Kinder der Mittelstufe am Kirchheimer Schlossgymnasium ist das aktuell Alltag. „Wir brauchen definitiv ein viertes Hallendrittel“, sagt der stellvertretende Schulleiter Hans-Ulrich Lay, der bei der Belegung der Walter-Jacob-Halle vor dem Hintergrund der bis 2032 prognostizierten steigenden Schülerzahlen vor großen Herausforderungen steht. „Wenn wir noch zweimal sechszügige fünfte Klassen bekommen, haben wir ein richtig dickes Thema“, warnt er vor dem Hintergrund des seit Jahren bekannten Defizits an Hallenkapazitäten in Kirchheim.

Als Gemeinderat in Zell unterm Aichelberg kennt der 55-Jährige allerdings auch die finanziellen Zwänge einer Verwaltung wie der in Kirchheim, die sich den Bau einer neuen Halle am bereits beschlossenen Standort des Schloss-Parkplatzes mangels Geld aktuell verbietet. „Ich sehe natürlich das Dilemma der Stadt, die das zahlen muss“, so Lay, „genauso fatal ist ja auch, dass wir uns kein Hallenbad leisten können.“ Auf dem
schmalen Grat zwischen Handlungsbedarf und Verständnis sieht Lay das Schlossgymnasium trotzdem am Scheideweg: „Es ist noch nicht so, dass wir Druck machen müssen“, sagt er, „aber das wird kommen, weil die Qualität des Sportunterrichts sinken wird.“

Negativspirale droht

Um die Qualität des breitensportlichen Angebots in seiner Abteilung fürchtet auch Thimo König als Leiter der knapp 600 Mitglieder starken VfL-Basketballer: „In einem Verein, in dem es massiv an Kapazitäten zu angemessenen Trainingszeiten für Kinder und Jugendliche fehlt, müssen viele Kompromisse zu Lasten der Trainingsqualität hingenommen werden“, fürchtet er auch um Motivation und Bereitschaft der Trainer und Freiwilligen, die sich im Ernstfall umzuorientieren drohen und so eine sich selbst verstärkende Negativspirale in Gang setzen könnten. „Da sind wir sicher erst am Anfang“, so König, „aber wir beobachten und spüren das.“

Drastischste Folge ist der seit Ende September verhängte Aufnahmestopp, der auch durch eine kurzfristige Verlagerung von Trainingszeiten nach Nürtingen, wo man mit den TG-Basketballern kooperiert, kaum Entlastung brachte. Königs Wunsch: „Wir sollten aufhören darüber zu diskutieren ob, sondern wie und wann wir als Gemeinde mindestens die mittlere Hallenvariante realisieren.“

Diese würde mit 18,7 Millionen Euro zu Buche schlagen, was angesichts der klammen städtischen Kassen nach Aussagen aus dem Rathaus aktuell nicht machbar sei – für Thimo König ein unbefriedigender Status: „Die Entscheidungsträger in Verwaltung und Gemeinderat sollen ihre Energie darauf lenken, Umsetzungsmöglichkeiten zu kreieren und nicht darauf sich und uns ihre Handlungsunfähigkeit aufgrund der äußeren Umstände zu erklären oder zu rechtfertigen.“

Gemeinderäte machen sich stark

Zwei Gemeinderäte, die das nicht tun, sind Giancarlo Crescente (CDU) und Tobias Öhrlich (Christliche Initiative Kirchheim). „Den Bau einer Halle für den Schul- und Vereinssport halte ich für zentral und unabdingbar“, sagt Crescente, der in seiner Funktion als Vorstandsmitglied im AC Catania Kirchheim aus erster Hand um die Probleme des Hallenmangels weiß. „Für unsere neu aufgebaute Jugendarbeit in diesem Jahr stellen fehlende Kapazitäten eine existenzielle Frage dar, die wir zeitweise nicht zu beantworten wussten.“ Nachdem er in Kirchheim nicht fündig geworden war, ist Crescente („Fünf- und Sechsjährige kann ich nicht im Außenbereich trainieren lassen.“) für diesen Winter in Hallen des Landkreises in Nürtingen untergekommen – eine Notlösung, deren Effekt schnell zu verpuffen droht. „Mit Einschränkungen, insbesondere der Kürzung von zwei auf einen Trainingstag je Juniorenmannschaft, muss im Laufe des Winters fest gerechnet werden“, klagt Crescente.

Tobias Öhrlich gilt ebenfalls als Verfechter eines Hallenneubaus. „Die Bedarfe sprechen eine klare Sprache“, hatte der Stadtrat der CIK im Rahmen der Klausurtagung des Stadtverbands für Leibesübungen betont. „Wir können uns jetzt nicht hinstellen und sagen, der Bau einer Halle geht nicht. Ich warne davor, das Projekt jetzt zu schließen.“

Turner stoßen an ihre Grenzen

Zumal die Bedarfe über den reinen Trainingsbetrieb hinaus gehen. „Eine neue Halle, die entsprechend ausgestattet ist, wäre wichtig für Großveranstaltungen auf nationaler Ebene“, sagt Michaela Pohl, Cheftrainerin und Sprachrohr der VfL-Turnabteilung, die seit 2011 in der Raunersporthalle beheimatet ist, dort angesichts von über 900 Mitgliedern jedoch immer mehr an ihre Grenzen stößt. „Es gibt keinerlei Puffer“, weiß Pohl, „und das Ganze funktioniert nur, weil Leistungs- und Breitensportler zusammen trainieren.“

Wie andere Städte neue Hallen bauen

Neubauten können trotz enger Haushaltslage gelingen, wenn man Partnerschaften, Fördermittel und Etappenvorgehen kombiniert. Das Entscheidende ist politischer Wille und ein klarer Fahrplan wie einige Beispiele aus Baden-Württemberg zeigen.
Balingen setzte beim Bau der „Sparkassen Arena“, die seit diesem Jahr Mey Generalbau Arena heißt, auf ein Mehrzweck-Konzept aus Sport, Kultur und Messen und finanzierte das Projekt über Namensrechte mit. Der laufende Betrieb wird durch eine hohe Auslastung gestützt.
Reutlingen setzt auf planbare Lösungen: jährliche feste Budgets, Neubauten und Sanierungen im mehrjährigen Stufenmodell nach klarer Priorisierung.
Heidelberg entwickelte den SNP Dome über ein PPP-Modell: Die Stadt finanzierte den Grundbau, ein privater Partner beteiligte sich finanziell und sicherte die Namensrechte.
In Backnang entstand die multfiunktionale Murrtal-Arena für Schul- und Vereinssport mithilfe eines Namensrechte-Modells. pet