Tobias Unger hat nach erneuter Krankheitspause die Hallen-WM so gut wie abgehakt
Leiser Abschied von Istanbul

Tobias Unger hat die Hallen-WM in zwei Wochen in Istanbul so gut wie abgeschrieben. „Es müsste schon ein Wunder geschehen“, meint der gesundheitlich angeschlagene Sprinter vor den deutschen Hallenmeisterschaften am Wochenende in Karlsruhe. Neben Unger sind auch Alex Schaf und Anja Wackershauser derzeit alles andere als fit. Das Kirchheimer Trio im Trikot des VfB Stuttgart fährt diesmal ohne große Erwartungen zu den Titelkämpfen.

Kirchheim. Sie sind nicht immer einer Meinung, doch diesmal gibt es zwischen Trainer und Athlet kaum Spielraum für Differenzen. Tobias Unger ist auf dem Weg zur Hallen-WM vom 9. bis 11. März in der Türkei ins Stolpern geraten. Schuld daran ist ein hartnäckiger Infekt, der sich nach seinem 60-Meter-Start vor knapp zwei Wochen in Düsseldorf zurückgemeldet hat. Die noch fehlende WM-Norm (6,62 Sekunden) hält sein Coach Micky Corucle deshalb gar nicht für das eigentliche Problem: „Selbst wenn er die Norm am Samstag knacken würde, hieße das, als Tourist nach Istanbul zu fahren.“ Um bei der WM realistische Chancen auf den Endlauf zu haben, bräuchte es einen Tobias Unger in Topform.

Bisher blieben lediglich die beiden Wattenscheider Julian Reus (6,59) und Christian Blum (6,61) als einzige Deutsche unter der Richtmarke. Beide sind auch am Samstag in Karlsruhe die heißen Favoriten auf den Titel. Zeiten, die Corucle auch seinem Schützling zugetraut hätte, wäre der Trainingsplan in den vergangenen Wochen aufgegangen. Bis zu den Süddeutschen Ende Januar in Sindelfingen lag Unger mit 6,70 Sekunden noch auf Kurs. Dann folgten krankheitsbedingte Zwangspausen, die beim Meeting in Düsseldorf vor zwei Wochen mit 6,82 Sekunden in einer großen Enttäuschung mündeten. Unger stand mit Kopfschmerzen und Magenbeschwerden am Start und kassierte danach prompt die Quittung. Wieder eine knappe Woche Pause, bis Dienstag dieser Woche war eher lockeres Training angesagt. Für seinen Coach steht deshalb fest: Das Thema Halle ist abgehakt. Ab Montag gilt die volle Konzentration der Vorbereitung auf die Freiluftsaison und damit auf die Olympischen Spiele im August in London. Das heißt dann auch: Konzentration auf seine Paradestrecke, die 200 Meter. Die Rückkehr nach verletzungsbedingtem Ausflug auf die Kurzdistanz ist für den amtierenden deutschen Meister über 100 Meter beschlossene Sache. „Dort liegt mein Talent, ich bin schmerzfrei und ich habe wieder richtig Lust auf die 200 Meter“, sagt er.

Deshalb wäre er auch am Sonntag in Karlsruhe gerne auf seiner Lieblingsstrecke an den Start gegangen. Noch ist zwar nichts endgültig entschieden, doch ein Risiko will er kein zweites Mal eingehen. Nichts tun, was an die Substanz ginge, lautet das Motto. „Gut möglich, dass er nach dem 60-Meter-Vorlauf am Samstag die Tasche packt“, meint Micky Corucle, der am Wochenende keinen seiner Athleten ernsthaft auf der Rechnung hat. Alex Schaf laboriert noch immer an einer Verletzung in der Gesäßmuskulatur. Der Tübinger Marius Broening ist zwar erstmals verletzungsfrei durch die Saison gekommen, findet aber seit Wochen nicht zur gewohnten Spritzigkeit. Beide werden über 60 Meter am Samstag zwar starten, dürften bei der Titelvergabe allerdings kaum eine Rolle spielen. Definitiv ohne Unger und Schaf wird die 4 x 200-Meter-Staffel des VfB Stuttgart am Sonntag auf die Bahn gehen.

Weit von der Topform entfernt ist auch 200-Meter-Spezialistin Anja Wackershauser, die anfangs der Woche erstmals wieder ein Sprinttraining absolvierte. Die Theologie-Studentin steckte lange Zeit im Prüfungsstress, wurde obendrein mehrfach von Infekten ausgebremst. Dennoch plant sie am Wochenende einen Doppelstart auf ihrer Hausstrecke und mit der Staffel. „Anja fehlen zum Vorjahr zweieinhalb Zehntel“, rechnet Corucle vor. Ob das am Sonntag für den Endlauf reichen wird, ist mehr als fraglich, zumal die schwächeren Zeiten auch den Nachteil der ungünstigen Innenbahn mit sich bringen.

Mit einem Handicap wird auch das VfB-Quartett am Sonntag leben müssen, nachdem sich Anke Hummel für ein Studienjahr in Richtung Australien verabschiedet hat. Für sie wird die 27-jährige Jacqueline Karsten ihre Chance bekommen. Staffelkollegin Franziska Dobler muss sich am Wochenende gleich zweimal auf den Weg nach Karlsruhe machen. Sie bekommt es schon am Samstag über 60 Meter mit bärenstarker Konkurrenz zu tun. Allen voran 100-Meter-Europameisterin Verena Sailer, die sich nach ihrer Verletzungspause beeindruckend zurückgemeldet hat und bei den Süddeutschen in Sindelfingen mit 7,24 Sekunden auf Anhieb die WM-Norm knackte.