Jürgen Kreidler ist 53 und ficht seit dem 12. Lebensjahr – Der zehnte WM-Platz als Highlight einer langen Titelsammlung
Marathonmann auf der Laufbahn

Beim VfL Kirchheim macht ihm keiner etwas vor, und weltweit sind es gerade mal neun Degenfechter, die in seiner Altersklasse besser sind als er: Mit 53 Jahren ist Jürgen Kreidler noch immer topfit. Er ist der Vorzeigemann der VfL-Fechtabteilung – und beweist langen Atem: Mittlerweile steht er im 42. Fechter-Jahr.

Kirchheim. Jürgen Kreidler ist das Aushängeschild der VfL-Fechtabteilung, und zu verdanken hat er das einer Vielzahl von Erfolgen in vier Dekaden und allen Altersklassen. Sein absolutes Vorzeigeresultat schaffte er bei der Senioren-Weltmeisterschaft 2010. Im kroatischen Urlaubsparadies Porecˇ stieg der 53-jährige Fechtspezialist nach einer strapaziösen 800-Kilometer-Anfahrt völlig unverhofft zur Nummer zehn aller 50- bis 60-jährigen Degenfechter dieser Welt auf – diese WM-Platzierung war das absolute Highlight in seiner Titelsammlung. Hinterher gab es vonseiten seiner Alterskameraden viel Applaus. Den VfL-Nachwuchsfechtern reichte es zum Schulterklopfen des 1,88-Meter-Mannes aus Größen-Gründen nicht, dafür feierten ihn die zehn-, elf- und zwölfjährigen Kids beim ersten gemeinsamen Training enthusiastisch. „Solch eine Begeisterung habe ich noch nie erlebt. Jürgen Kreidler ist unser Zugpferd“, staunte der langjährige Abteilungsleiter Thomas Großstück, der selbst Seniorenfechter ist.

Für Großstück ist Kreidler der wichtigste Mann in der Abteilung –„ein Vorbild für unseren Nachwuchs“, eine Leitfigur. Beide Routiniers sind langjährige VfL-Weggefährten und sich immer grün – man versteht sich. Und flachst schon mal. „Ich bin der Würstchenbrater und Jürgen die sportliche Speerspitze in der Fechtabteilung“, sagt Thomas Großstück.

Der Rollenvergleich stimmt im Gesamten natürlich nicht, das mit der Speerspitze stimmt schon. Denn kein anderer VfL-Protagonist als der sportive Bauingenieur mit eigenem Büro in Reudern hat auf der Planche bei überregionalen Wettkämpfen so viele Schüler-, Aktiven- und Seniorentitel gesammelt wie er: 37 hat er in seiner Vita stehen. Die meisten davon ergatterte er in den Altersklassen seiner Nach-Aktiven-Zeit. Allein acht Mal war Kreidler da württembergischer Meister mit Florett oder Degen, und ein deutscher Meistertitel steht auch zu Buche (2009). 1977, als Jungspund, errang er ein Ticket ins französische Chateau Thierry: Als Nachwuchshoffnung zählte er zu den Auserwählten eines Jugendländervergleichskampfes. Damals war er 18, hatte viel Talent und wenig Ehrgeiz – an der großen Fechter-Karriere bas­telte er nie. Dafür hat Kreidler bis heute eine Fechter-Laufbahn hingelegt, die einzigartig ist: Inzwischen ficht er rekordverdächtige 41 Jahre. „Mit 12 hab ich die Fechterei begonnen, bin danach dieser Sportart immer treu geblieben und habe zwischendurch kein einziges Jahr pausiert“, sagt er.

Er ist der VfL-Marathonmann der Planche – und weit entfernt von irgendwelchen Rücktrittsplänen. „Ich fechte, solange es die Gesundheit erlaubt“, sagt Kreidler. Derzeit plagen ihn keinerlei Malaisen, und er ist topfit und bestens austrainiert. „Schnellkraft, Reaktionsweg und sein Durchhaltevermögen auf der Fechtbahn sind schon außergewöhnlich gut“, sagt Thomas Großstück über den VfL-Vorzeigefechter, der trotz fortgeschrittenen Alters klare Ziele abgesteckt hat. Ein Nahziel ist Dresden – dort will er Anfang Mai bei den deutschen Mannschaftsmeisterschaften mit dem VfB Friedrichshafen unbedingt aufs Treppchen.

Kreidler, der eine Art Zweitstartrecht hat, hat auch mit seinem Kirchheimer Dreier-Degenteam ehrgeizige Pläne: Zusammen mit Volker Schuckardt (18) und Tim Schäfer (16) will er in die Endrunde im Deutschlandpokal – einem renommierten K.-o.-Wettbewerb für ambitionierte Breitensportler im K.-o.-System. „Der Sprung unter die letzten acht wäre mein Wunsch, schon der beiden jungen Mitfechter wegen“, sagt Kreidler. Doch ohne Schweiß kein Preis. Nach dem 45:12-Kantersieg über den FC Nürnberg muss das VfL-Trio am 18. Mai auswärts den VfL Kaufering schlagen. Wie groß die Chancen auf ein Erfolgserlebnis in Oberbayern sind, weiß derzeit keiner in Reihen des VfL – „wir haben keine Informationen über die Stärke des Gegners.“ Und so wird das Gastspiel in Oberbayern für den VfL-Routinier und die zwei Youngsters keineswegs zum Selbstläufer. Doch Jürgen Kreidler ist ehrgeizig – er wird wieder alle Register ziehen.