Kirchheim. Was lange gärt, bricht sich irgendwann einmal Bahn. Kirchheim und der Alleenring, das war bis gestern Abend wie der Stachel im Fleisch des Andi Mayr. Ausgerechnet seine erklärte „Lieblingsstrecke“, ausgerechnet hier blieb ihm der Sieg seit Jahren verwehrt. Nicht nur das: 2008 hatte er die Ziellinie bereits vor Augen als ihn ein Rempler im Schlusssprint auf den Asphalt beförderte. Diesmal fuhr Mayr vom Start weg mit einer guten Portion Wut im Bauch und siehe da, es half.
Es knisterte im Zielbereich, hundertfach reckten sich Hälse und alle Blicke waren nach oben gerichtet. Wer würde als Erster auf die Zielgerade einbiegen und sich auf den letzten Metern die beste Ausgangsposition sichern. Mayr riskierte alles, verschaffte sich einen kleinen Vorteil, indem er in der entscheidenden 90-Grad-Kurve zu Beginn der Marktstraße den engsten Radius wählte und war danach nicht mehr zu halten. Als hätte da einer die Rakete gezündet – dem explosiven Antritt des gebürtigen Esslingers hatte auch Leif Lampater nichts mehr entgegen zu setzen. Der bekannt endschnelle Bahnspezialist wurde hinter dem Stuttgarter Erik Hoffmann im Trikot des Teams Baier aus Landshut Dritter.
Für Lampater war es der vierte erfolglose Ansturm aufs Siegertreppchen. Nach zwei Mal Platz zwei und einmal Platz drei musste er sich auch gestern mit einem unteren Treppchenplatz begnügen. Er nahm‘s gelassen: „Ein bisschen enttäuscht bin ich schon“, meinte er mit einem Lächeln. „Jetzt muss ich eben nächstes Jahr wiederkommen.“ Andi Mayr war nicht nur ein strahlender, sondern auch ein äußerst sympathischer Sieger im Ziel. Überglücklich nahm er die Glückwünsche seiner Freiburger Teamkollegen entgegen und herzte jeden, der ihm in die Quere kam. „Das war der gerechte Ausgleich für 2008“, meinte er und verriet sein Erfolgsrezept: „Aus der Kurve raus alles zünden und dann nur noch durchziehen.“
Ungewohnt früh, schon nach der sechsten Runde war der „schwäbische Cipollini“ (diesmal mit Rasurschnitt unterm Helm) die Zuglok einer neunköpfigen Ausreißergruppe, in der mit Erik Hoffmann und Leif Lampater alle drei Topfavoriten versammelt waren. Die Gruppe harmonierte und baute ihren Vorsprung auf die Verfolger bis zum Schluss auf über eine Minute aus. Überraschend stark: Hannes Genze. Der ehemalige deutsche Marathon-Meister auf dem Mountainbike leistete immer wieder Führungsarbeit und musste erst in der letzten Runde zurückstecken, belegte abe einen achtbaren neunten Platz.
Wenig motiviert zeigten sich die Verfolger im Hauptfeld, wo Hoffmanns Teamkollege Helmut Trettwer, der bayrische Meister von 2010, erfolglos versuchte, die entstandene Lücke zu schließen. Wenig zu sehen auch von Benjamin Diemer, der als Einziger im Feld die Chance gehabt hätte, einen Erfolg in Kirchheim zu wiederholen. Der Sieger von 2008 rollte dem Feld hinterher und landete am Ende abgeschlagen auf Platz 32. Einen schwarzen Tag erlebte Lokalmatador Karsten Vesterling, der im Trikot des Vereins Radsport Kirchheim an den Start gegangen war. Der Lenninger behauptete sich 40 Runden lang in der Verfolgergruppe, musste dann jedoch abreißen lassen und stieg vorzeitig aus.
Eine erfolgreiche Flucht entschied auch das Rennen der Frauen, wo die 30-jährige Jesse Lysann (RC Bellheim) im Zielsprint die größten Kraftreserven und vielleicht auch die größte Routine hatte. Sie verwies die luxemburgische Nationalfahrerin Nathalie Lamborelle und die Schweizerin Daniela Gass auf die Plätze. Lange Zeit in Führung gelegen hatte Bahnspezialistin Elke Gebhardt (Team Rothaus). Der Siegerin von 2005 blieb ihr zweiter Erfolg auf dem Alleenring jedoch verwehrt. Sie kam als Vierte ins Ziel. Nur eine knappe Radlänge vor Melanie Wotsch, die beim Team Stuttgart dank guter Beine an diesem Tag für einen Strategiewechsel sorgte. Statt der erst 19-jährigen Johanna Badmann, die als eines der größten deutschen Talente gilt, schlüpfte die gleichaltrige Fränkin vom BS Ansbach in die Leaderrolle und glänzte mit Platz fünf. Ihre Teamkollegin Heike Noever aus Weilheim wurde im entscheidenden Moment die 180-Grad-Kehre zum Verhängnis. Sie verpasste an der Wendemarke den Anschluss an die Ausreißer, entschied am Ende jedoch den Sprint im Hauptfeld für sich. Mit Platz 19 konnte sie dennoch gut leben.
Die Rückkehr des GP Kirchheim als „Lightweight-Cup“, machte Hoffnung bei Veranstalter und Sportlern. Trotz eines Programms, das mit Sponsoren-Rennen diesmal Überlänge bot, verließ kaum ein Zuschauer in der gut besuchten Marktstraße vorzeitig die Strecke. Für den Sieger, der vor neun Jahren an selber Stelle als C-Fahrer den Grundstein für eine erfolgreiche Amateur-Karriere legte, gab es ohnehin keine Alternative – wieder einmal. „Nächstes Jahr Kirchheim“, meinte Andi Mayr. „Auf jeden Fall wieder.“
