Kirchheimer Radsportnacht
Mehr Spannung am Start war selten

Das Kirchheimer Publikum erwartet bei der 3. Radsportnacht am Samstag ein völlig offenes Rennen. Ohne aktuelle Profis auf der Meldeliste macht die Amateur-Elite den Sieg diesmal unter sich aus.

Man kennt sich und man kennt Kirchheim als Radsport-Stadt bestens: Zahlreiche Fahrer schätzen die besondere Atmosphäre beim Rennen mit Start und Ziel am Marktplatz.  Foto: Carsten Riedl

Es ist angerichtet. Ein 60 Fahrer starkes Feld wird bei der 3. Kirchheimer Radsportnacht am Samstag ab 19 Uhr den Sieg in der Kirchheimer Altstadt unter sich ausmachen. Auch ohne seine Gallions­figur Jannik Steimle, der am Samstag bei der Sibiu-Tour der Profis in Rumänien am Start stehen wird, verspricht das Kirchheimer Rennen jede Menge Spannung und viel Luft für Überraschungen. Mit dabei sind etliche Fahrer, die den Kurs in Kirchheim bestens kennen und die eine Antwort auf die Frage geben werden, was am Ende mehr zählt: Erfahrung und die Kunst, ein Rennen richtig lesen zu können, oder geballtes Talent und jugendlicher Sturmdrang.

Wenn es am Samstag bei der Hatz über 84,5 Kilometer oder 65 Runden durch die Marktstraße und den Ostteil des Alleenrings einen Favoriten geben sollte, dann wohl am ehesten er: Dario Rapps vom RSC Kempten, der diese Woche seinen 30. Geburtstag feierte, ist der amtierende Deutsche Kriteriumsmeister und ein Kumpel von Sprintstar Pascal Ackermann, der zurzeit in Frankreich sein Tour-Debüt gibt. Steuerkünste und Sprintqualitäten – Rapps bringt mit, was man auf einem engen Innenstadtkurs wie in Kirchheim braucht, und er hat ein erfahrenes Team um sich. Der RSC Kempten hat am vergangenen Wochenende in Hohenheim eindrucksvoll gezeigt, wie man ein Rennen kontrolliert. Gleich fünf Fahrer in den Top Ten, Rapps wurde am Ende Fünfter, seine Kollegen Steffen Greger und Julian Kern, die in Kirchheim ebenfalls am Start stehen werden, landeten auf den Plätzen sechs und zehn. Der Metzinger Steffen Greger ist mit seinen 41 Jahren ein alter Hase und kennt als Stammgast in Kirchheim die Strecke wie kein Anderer. Julian Kern dagegen dürfte selbst Anspruch auf einen Platz auf dem Podium anmelden. Der U 23-Europameister von 2011 zählt als Ex-Profi mit seinen 34 Jahren zum engeren Favoritenkreis. Vor gut einem Jahrzehnt noch fuhr er beim französischen Team AG2R an der Seite von Romain Bardet, der beim Tour-Start am vergangenen Samstag in Florenz das Gelbe Trikot überstreifte. Und noch einen interessanten Mann schicken die Kemptner am Samstag an den Start: den Ex-Stuttgarter Markus Blume, 1,90 Meter groß, athletisch – ein Typ wie der Schweizer Fabian Cancellara, mit mächtig Druck auf der Platte und ausreichend Rennhärte. Sollten sich im Rennverlauf Ausreißer finden, dann läuft mit einiger Sicherheit vieles über ihn.

Den Kemptnern am ehesten die Stirn bieten dürfte die mit acht Fahrern zahlenmäßig stärks­te Equipe aus Stuttgart-Vaihingen mit dem amtierenden hessischen Meister Eiko Berlitz und das sechsköpfige Fratelli Racing Team mit den beiden Tenbruck-Brüdern Jonas und Florian, der im vergangenen Jahr hinter den drei World-Tour-Profis Steimle, Mayrhofen und Schmid in Kirchheim Vierter wurde.

Erfahrung ist ein Pfund im Radsport, aber längst nicht alles. Wer sich Sorgen um die Zukunft im württembergischen Nachwuchsbereich macht, der sollte bei diesen Namen genauer hinschauen: Meo Amann und Tillmann Sarnowski, beide 20 Jahre alt, gelten als die derzeit größten Talente beim RSV Öschelbronn. Amann war Anfang Mai Landes-Vizemeister, Sarnowski im vergangenen Jahr Gesamtsieger in der Junioren-Bundesliga. Noch jünger ist der erst 19-jährige Pfullinger Oscar Schempp, der diese Saison bereits drei Siege aufs Konto lud, als Einzelkämpfer in Kirchheim jedoch einen schweren Stand haben dürfte.

Und was ist mit dem Heimteam? Die fünf Jungs von Cycling Friends Passione wollen einen Steinwurf entfernt vom Team-Stützpunkt in der Wellingstraße sich im Rennen zeigen. Dass sie das nötige Stehvermögen besitzen, haben Louis Hepperle und Jakob Braun zuletzt in Hohenheim gezeigt. Dort fuhren beide auf den Plätzen 16 und 17 gemeinsam durchs Ziel. „Dieses Starterfeld verspricht auf jeden Fall ein spannendes Rennen“, zeigt sich Rennleiter Simon Schreck zufrieden. Und noch auf einen dürfen sich die Fans in Kirchheim freuen: Streckensprecher Freddy Eberle ist als wandelndes Radsport-Lexikon und versierter Unterhalter bei den Rennen im Land gesetzt. Mit 66 Jahren hält freilich nicht nur er Ausschau nach einem möglichen Nachfolger. Mit Blick auf seinen angestammten Platz im Zielwagen meint er: „Mit 70 will ich da oben nicht mehr sitzen.“

„Heißer“ Samstag in der Stadt

Radsport und Fußball Seite an Seite: Veranstalter und Ordnungskräfte rechnen am Samstag mit einem gewaltigen Ansturm auf die Kirchheimer Innenstadt. Das Hauptprogramm des Radrennens ist eingebettet zwischen zwei Viertelfinal-Paarungen der Fußball-EM, die auf zahlreichen Leinwänden und Bildschirmen im Zentrum übertragen werden – auch auf dem Marktplatz, wo im Wesentlichen die Bewirtung beim Radrennen stattfindet. Das Glück dabei: Die publikums­trächtigste Begegnung zwischen Niederlande und der Türkei wird erst um 21 Uhr angepfiffen, wenn die Rennfahrer bereits im Ziel erwartet werden.
Polizei und Stadt sind in erhöhter Alarmbereitschaft. Für das Public Viewing im Storm’s und Waldhorn direkt am Marktplatz gelten eingeschränkte Regeln, was die Ausdehnung der Bewirtung betrifft. Die Rennveranstalter müssen zudem bereits um 22.30 Uhr mit dem Abbau beginnen, um einer möglichen Kollision mit feiernden Fans zu entgehen. „Ich drücke der Türkei die Daumen“, zeigt sich Bürgermeisterin Christine Kullen mit der großen türkischen Gemeinde in der Stadt solidarisch. „Vor allem hoffe ich, dass alles friedlich bleibt.“ bk

Das Programm
16.15 Uhr Eröffnung
16.30 Uhr Benefiz-Radeln zugunsten der Initiative „Starkes Kirchheim“
17.15 Uhr Laufrad-Rennen für Kinder vom Wachthaus bis zum Ziel am Marktplatz
17.30 Uhr Teampräsentation und Vorstellung der Rennfahrer auf der Marktplatz-Tribüne vor der Volksbank
18.15 Uhr Siegerehrung Stadtradeln
19 Uhr Start des Profi-Kriteriums über 65 Runden oder 84,5 Kilometer
21 Uhr erwartete Zielankunft am Marktbrunnen. Im Anschluss finden die Siegerehrung und Bewirtung auf dem Marktplatz statt
22.30 Uhr Veranstaltungsende