Der junge Mann auf der Terrasse des Cafés genießt die Sonne. 35 Jahre ist er gerade geworden – auch wenn die Ärzte kurz nach seiner Geburt dieses Alter für utopisch gehalten hatten. „Totgesagte leben länger“, heißt es in einem biblischen Sprichwort. Und wer sonst, wenn nicht Kenth Joite, könnte das so jederzeit unterschreiben. Der in Wolfenbüttel geborene und in Braunschweig aufgewachsene Schiedsrichter, der mittlerweile für den TSV Schlierbach pfeift und seit vergangenem Jahr auch ebendort mit Gattin Jacqueline und Labrador-Rottweiler-Mix Nala lebt, wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. „Doppel-Auslass des rechten Ventrikels“ (DORV) lautete die niederschmetternde Diagnose für das kleine Herz. Da war Kenth gerade einmal vier Wochen jung. Lebensprognose damals: mit Glück zwei Jahre. Er ahnte vermutlich noch nicht, dass er im weiteren Verlauf seines Lebens dem Tod noch mehrfach von der sprichwörtlichen Schippe springen sollte.

Im Alter von zwei Jahren entschieden Eltern und Ärzte an der Medizinischen Hochschule Hannover eine Operation nach der sogenannten „Kawashima“-Methode durchzuführen. Kenth Joite erholte sich gut und wuchs im ländlichen Niedersachsen heran, besuchte eine Inklusions-Grundschule. „Meine Eltern haben mich nie in Watte gepackt. Ich hatte eine unbeschwerte, ‘stinknormale’ Kindheit – von den regelmäßigen Arzt- und Klinikbesuchen abgesehen“, erinnert sich der leidenschaftliche Fußballer, der gerne Torspieler geworden wäre. Das Kicken selbst war freilich nach einigen schlechten Körperkontakterfahrungen – vor allem als Goalie – tabu.
Krise mit Anfang 20
Als Alternative fand Kenth Joite über seinen Heimatverein TSV Germania Lamme mit 13 Jahren den Zugang zur Schiedsrichterei – eine Leidenschaft, die ihn bis heute nicht losgelassen hat und die aufgrund des Ausdauerfaktors auch seinem Herz guttut. Es folgten Erfolge, aber auch gesundheitsbedingte wie mentale Rückschläge. Er musste erstmals „Behinderten-Mobbing“ durch Mitschüler am eigenen Leib erfahren. Die Ausbildung bei der Zollbehörde musste er später auch abbrechen, weil sein Körper nicht mitspielte. Einmal mehr sank seine Lebenserwartung auf zwei Jahre und die Ärzte in Hannover konstatierten, dass er ein neues Herz benötige, revidierten das Ansinnen nach einem weiteren Jahr wieder und stürzten den damals 21-Jährigen damit in eine ganz tiefe seelische Krise. Erst weitere schwierige OP, ein Schlaganfall und ein umsichtiger Betreuer in einer der folgenden Reha-Maßnahme brachten ihn wieder in die Spur.

In der Nachsorgeklinik Tannheim lernte er seine heutige Frau kennen und lieben – und knüpfte den noch heute guten Kontakt zum VfB Stuttgart. Den Verein verbindet eine lange Partnerschaft mit der Klinik im Schwarzwald. Die Liebe führte Kenth Joite schließlich auch örtlich von Niedersachsen ins „Ländle“ und im Oktober vergangen Jahres nach Schlierbach.
Kenth Joite ist Schiedsrichter bei den Junioren, Referee in der Amputierten-Fußball-Bundesliga und bei den Aktiven in der Kreisliga an der Pfeife. Überwiegend sammelte er gute Erfahrungen. Nur einmal wurde es heftig, als einige Akteure nach einem Stuttgarter Kreisligaspiel ihn nach dem Spiel verbal wie körperlich angingen. „Nach kurzer Sperre haben die Täter aber schon wieder gespielt“, sagt der Unparteiische.
Größe Pläne in Schlierbach
In Schlierbach und beim TSV fühlt er sich sehr wohl. „Ich bin toll aufgenommen worden. Insbesondere Holger Elsner von der Fußball-Abteilungsleitung war mir sehr behilflich“, freut sich der Referee, der gerne das Aushängeschild für Inklusion darstellt. „Wir planen ein sogenanntes ‚Unified-Turnier‘, in dem Menschen mit und ohne Handicap mit- und gegeneinander spielen“, freut sich Kenth Joite, der damit auch gleich in den höchst positiven Fokus von Schlierbachs bekanntermaßen äußerst fußballaffinen Bürgermeister Sascha Krötz geriet.
Überregional unterhält Kenth Joite seit einigen Jahren gute Kontakte zu Bayern-Profi Joshua Kimmich und dessen „Glaub-an-Dich“-Stiftung sowie zur DFB-Stiftung. Bei Freundschaftsspielen – insbesondere mit VfB-Beteiligung – agierte er schon öfter als Assistent von Schiedsrichter-Boss Knut Kircher an der Seitenlinie. Auch seitens des DFB wurde er schon mehrfach geehrt. „Niemals aufgeben“ ist dann auch das nachvollziehbare Lebensmotto von Kenth Joite.

