Ein fast 50 Jahre alter Atari-Computer hat neulich gegen ChatGPT eine Schachpartie gewonnen. Merke: KI kann nicht alles, aber eben doch ziemlich viel. So viel, sagen Experten, dass die Welt, wie wir sie bisher kennen, in Kürze eine andere sein wird. Dass Künstliche Intelligenz ein buntes und scheinbar grenzenloses Spielfeld bietet, unterstreicht auch ein Kirchheimer, aus dessen Sportbegeisterung ein KI-generiertes Tool entstanden ist, dass Trainern und Managern im Profi-Basketball die Arbeit erleichtern soll.
Fragen, die Klub-Funktionäre und Talentscouts auf der ganzen Welt beschäftigt: Wer passt in mein Raster? Wer kann sich wie unter welchen Bedingungen entwickeln und nicht zuletzt: Wer ist das Geld, das man auszugeben bereit ist, auch wirklich wert? Daniel Bauer ist aktiver Beachvolleyballer und leidenschaftlicher Basketballfan. In den vergangenen fast zwei Jahrzehnten hat der 37-jährige Familienvater kein Zweitliga-Heimspiel der Knights verpasst. Die Personalpolitik des Kirchheimer Zweitligisten verfolgt Bauer wie viele andere Jahr für Jahr mit großem Interesse. Schließlich ist die Diskussion über vielversprechende Namen oder enttäuschte Erwartungen Teil der Fankultur.
Wenn es irgendwo funktionieren kann, dann hier.
Daniel Bauer über sein KI-generiertes Scouting-Tool im Basketball.
Die Frage, die Bauer sich stellt: Lassen sich sportliche Leistungen und Erfolgsbilanzen mithilfe Künstlicher Intelligenz exakt vorausberechnen? Was ihm bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage in die Karten spielt: Bauer ist neben seinem Hauptberuf als Entwicklungsingenieur bei einem Kirchheimer Automationsunternehmen Dozent an der Esslinger Hochschule im Fachbereich Regelungstechnik, Modellbildung und Simulation. KI ist dort ein zentrales Thema. Am Verständnis für Zusammenhänge und mögliche Lösungswege mangelt es ihm folglich nicht.
Also rein ins stille Kämmerlein, nach Feierabend ins Netz abgetaucht und los ging's. Bauer sammelte Datensätze von Spielern in der Pro A, die zuvor als Neulinge – sogenannte Rookies – aus der US-amerikanischen NCAA in die zweite Bundesliga gewechselt waren und verglich sie mit ihren Leistungen am College. Die weitergehende Arbeit übernahm ein Algorithmus, der beständig trainiert werden will, wie jeder Spieler auch. In monatelanger Kleinarbeit hat der 37-Jährige eine eigene Datenbank erstellt, sich mit Kollegen an der Hochschule ausgetauscht und unzählige Stunden Freizeit investiert, vor allem an langen Winterabenden. „Ein neuronales Netz braucht viele Lerndaten“, sagt Bauer über das von ihm genutzte KI-System. „Je mehr Spieler und Daten, umso genauer das Ergebnis.“
Prognose für Norris überzeugt
Mühsame Arbeit, deren Ergebnis in einigen Punkten durchaus überzeugen kann: Die für die Pro A prognostizierte Dreierquote des letztjährigen Knights-Spielmachers Braden Norris auf Basis seiner Statistik im Jahr zuvor am College erwies sich nach Saisonende annähernd als Punktlandung.
Und wozu das Ganze? Bauer könnte sich vorstellen, dass sein Tool – entsprechend vertieft und verfeinert – Klubs bei der Kaderplanung hilfreich sein könnte. Einsetzen ließe sich das Werkzeug in vielen Sportarten. Im statistikverliebten Basketball, wo jeder Aspekt einer Saison mit frei abrufbaren Daten im Netz hinterlegt ist, drängt es sich regelrecht auf. „Wenn es irgendwo gut funktionieren kann, dann hier“, ist Bauer überzeugt.
Ließe sich damit richtig Geld verdienen? „Das war nie meine Motivation“, betont er. „Für mich ist das reine Leidenschaft.“ Sollte der eine oder andere Klub Interesse zeigen, wäre das immerhin Lohn für einige Mühe. Sachte angeklopft hat er bereits. Bei den Merlins in Crailsheim, deren Center-Neuverpflichtung Theo John als Name in der Datenbank auftaucht, hat man auf seinen Vorstoß bisher nicht reagiert. Bei den Knights findet man die Idee zumindest interessant: „Als alleiniges Instrument sicherlich nicht“, meint Sportchef Chris Schmidt. Schließlich gibt es Eigenschaften von Spielern, die sich nicht so einfach statistisch abbilden lassen: Charakter, Mentalität, Teamfähigkeit. „Wir werden uns das bei passender Gelegenheit mal genauer anschauen“, verspricht Schmidt. „Als ergänzendes Werkzeug könnte ich mir das durchaus vorstellen“.

