Drei Wochen vor Anpfiff ist bei den Lokal-Kickerinnen von WM-Fieber noch wenig zu spüren
Nur leicht erhöhte Temperatur

Schwarz-Rot-Goldene Partymeilen, Fahnenmeer und Public Viewing. Wer denkt nicht gerne zurück ans Sommermärchen 2006. Zum vollständigen kollektiven Glücksrausch fehlte damals nur der Titel. Jetzt ist wieder WM im Land und der Titelgewinn gilt fast schon als ausgemacht. Doch so richtig knistern will es drei Wochen vor dem ersten Anpfiff in Berlin selbst bei den Frauen vom Fach noch nicht.

Kirchheim. Deutschland 2011 – ein Sommermärchen? Unter der Limburg stellt diese Frage keiner. Zumindest nicht, wer dort dem Frauenfußball nahe steht. Mit dem Bezirks-Double sind Weilheims Kickerinnen die Überflieger der Saison. Überragender Meister, überraschender Pokalsieger – auf welches Sommermärchen bitteschön soll man da noch warten? So wie den Fußballerinnen des TSV Weilheim geht es derzeit vielen: Statt überschäumender Vorfreude herrscht drei Wochen vor Beginn des wichtigsten Ereignisses im internationalen Frauenfußball gespanntes Abwarten. „Wir haben am Wochenende noch den Erdinger-Cup vor uns“, meint TSV-Spielführerin Verena Kawelke, „erst danach werden wir uns überlegen, was während der WM läuft.“ Schließlich haben sich die meisten gerade erst vom Party-Marathon erholt. Ein Programmpunkt gilt als sicher: Am 26. Juni fährt die Mannschaft geschlossen nach Sinsheim zum Vorrundenspiel Nigeria gegen Frankreich. Die Fahrt hat der Trainer organisiert, sozusagen als Lohn für eine perfekte Saison. Wer gewinnt, ist egal. WM-Atmosphäre schnuppern, darum geht es.

Überhaupt scheinen Frauen weniger ergebnisorientiert zu denken als Männer. „Für mich ist viel wichtiger, dass wir bei der WM attraktive Spiele sehen“, sagt TSV-Torjägerin Christina Demertzi. Schließlich gilt es noch immer, zu beweisen, dass nicht nur Männer dynamischen und technisch guten Fußball spielen können. Mehr öffentliches Interesse an der WM hätte sie sich drei Wochen vor dem Start allerdings schon gewünscht. Doch die Hoffnung lebt, dass das Ganze noch ins Rollen kommt, wenn das Turnier erst einmal läuft. Ein WM-Feuer zu entfachen ohne ständige TV-Präsenz ist nun mal schwer. Als bekennender Bayern-Fan weiß sie das aus eigener Erfahrung. Die Männer-Bundesliga verfolgt sie ganz genau, bei den Frauen kennt sie nicht einmal alle Erstligisten, die um den Titel kämpfen. Das Medieninteresse abseits der WM sei einfach zu gering. „Wenn wir aktiven Spielerinnen das Geschehen unterm Jahr schon nicht verfolgen, wie sollen es dann andere?“, fragt sich Christina Demertzi.

Dass sich Spielerinnen im Männerfußball deutlich besser auskennen, als in der eigenen Sparte, ist auch für Christine Schrempp ganz normal. Auch die Abwehrspielerin und Frauenfußball-Beauftragte des VfL Kirchhheim macht eher verhaltene Vorfreude unter Ihresgleichen aus. „Es ist noch keine grenzenlose Euphorie zu spüren“, stellt sie fest. Die eigene Saison ist gerade erst um, viele sind noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. „Aber das kann ja alles noch kommen.“ Dass die WM es hierzulande schafft, den Frauenfußball in eine neue Umlaufbahn zu schießen, glaubt sie ohnehin nicht. Vielleicht sorge es für etwas mehr Zulauf im Jugendbereich, so ihre Hoffnung. „Doch den ganz großen Boom“, meint Christine Schrempp, „haben auch all die Titel zuvor nicht ausgelöst.“ Was sie in der Öffentlichkeit wahrnimmt, ist eher Akzeptanz als Begeisterung. Immerhin: „Frauenfußball ist kein Thema mehr, das belächelt wird.“

Gegen Ende des WM-Turniers droht ihr und der Mannschaft gar ein Gewissenskonflikt. „Wir haben Karten fürs kleine Finale in Sinsheim“, berichtet sie. Gemäß Spielplan die einzige Chance, die deutsche Mannschaft auf baden-württembergischem Boden zu erleben. Doch wer will das schon, wenn anderntags in Frankfurt das Finale steigt.