Kirchheim. Keiner ist perfekt. Als Stefan Lösler am späten Sonntagabend im Trainingsquartier auf Mallorca den Koffer auspackte, musste er feststellen: Die Flip-Flops fehlen. Ein Kollateralschaden der überschaubaren Art, wenn man bedenkt, dass er noch am selben Morgen russischen Boden unter den Füßen hatte. Am Samstagabend um 20 Uhr hatte er sich von Sotschi aus auf den Heimweg gemacht. Nach einem Zwischenstopp in Moskau landete er Sonntagfrüh um 9 Uhr an seinem Studienort in Graz. Kurz heim in die Wohnung, Gepäck gewechselt, den zuvor bereits fertig gepackten Radkoffer geschnappt und wieder hin zum Flughafen, wo um 16 Uhr die Maschine nach Palma startete.
Für diese Logistik-Leistung hätte Stefan Lösler eigentlich eine Medaille verdient. In Sotschi lag sie außer Reichweite, das war schon vorher klar. Platz 22 nach Stürzen in zwei von drei Durchgängen – das mag für viele enttäuschend klingen, für ihn nicht. Schließlich zählte der 29-Jährige, der bei einem Verkehrsunfall vor vier Jahren sein linkes Bein verlor, zu den am meisten benachteiligten Snowboardern am Start. Bei der paralympischen Premiere der Sportart fehlte ein faires Klassensystem. Sportler mit zwei intakten Knien wurden gleich behandelt wie Oberschenkel-Amputierte, zu denen Stafan Lösler zählt. 2018 in Südkorea wird das anders sein. „Hoffentlich bin ich dann nicht mehr der einzige deutsche Starter“, sagt Lösler, für den in Sotschi nur eines zählte: Nicht aufgeben und ins Ziel kommen. Dass er überhaupt dabei sein und als erster deutscher Snowboarder Geschichte schreiben würde, erfuhr er erst im Februar. Genossen hat er es in vollen Zügen. Die Eröffnungsfeier, die Atmosphäre im Dorf, das kameradschaftliche Miteinander im alpinen Team um die fünffache Goldmedaillen-Gewinnerin Anna Schaffelhuber. Und natürlich die für ihn ungewohnte Betreuung durch Trainer- und Servicemannschaft vor dem Rennen. „So ein schnelles Brett hatte ich noch nie,“ meint der Kirchheimer und lacht. „Erst jetzt begreife ich, dass ich wirklich dort war.“
Um Schnelligkeit geht es auch dieser Tage auf Mallorca. Vom Winter in den Sommer, denn nach den Winterspielen ist vor den Sommerspielen. Stefan Lösler träumt von Rio. Dort will er 2016 im Para-Triathlon starten. Und dort macht er sich, anders als zuletzt in Sotschi, sogar klammheimlich Hoffnungen auf eine Medaille. Sein erstes Trainingslager mit der Nationalmannschaft absolviert er als amtierender Europameister in seiner Klasse. Den Titel holte er sich vergangenen Sommer im türkischen Alanya. Am südöstlichen Zipfel der Balearen-Insel heißt es bis Ende des Monats nun Grundlagenkilometer auf dem Rad sammeln. Rio ist noch fern, Kitzbühel liegt nahe. Dort will Stefan Lösler am 22. Juni versuchen, seinen EM-Titel zu verteidigen. Und auch dort wird es wieder das Reglement sein, das über seine Chancen entscheidet. Die Karten werden neu gemischt. „Es gibt derzeit zu viele Unterklassen“, sagt der 29-Jährige. „Das will man bis 2016 ändern.“ Das Wissen um die eigene Leistungsstärke ist im Behindertensport nicht immer ein verlässlicher Indikator. Bereits in Kitzbühel muss er sich vermutlich auf neue Konkurrenten einstellen. Das Gute: Bis es um Punkte für Rio geht, ist noch ein ganzes Jahr Zeit.
