Reutlingen. Große Kulissen scheinen die VfL-Kicker in dieser Saison zu beflügeln. Nach dem 2:0-Sieg im August vergangenen Jahres vor mehr als 2 000 Zuschauern bei Waldhof Mannheim, schlugen die Kirchheimer „Rampensäue“ gestern Abend wieder zu. Vor rund 1 000 Fans gewann der VfL in Reutlingen mit 3:1.
Dass es ein ähnlich guter Auftritt wie der vor acht Monaten in Mannheim war, bestätigte auch der sportlich Verantwortliche. „Es gibt eigentlich nichts zu bemängeln“, gab VfL-Coach Rainer Kraft zu Protokoll, „es war eines unserer besten Spiele.“ Freude dürfte ihm nicht zuletzt die Tatsache bereitet haben, dass sein Team die taktisch bedingte Umstellung kurz nach der Halbzeit ohne Blessuren überstand. Vier Minuten nach Wiederanpfiff hatte Kraft den mit gelb vorbelasteten Innenverteidiger Mischa Welm vorsichtshalber ausgewechselt und dafür Michael Kümmerle aus dem defensiven Mittelfeld ins Abwehrzentrum beordert.
Die personelle Rochade konnten die in der Offensive schwach agierenden Reutlinger auch in ihrer stärksten Phase Mitte der zweiten Halbzeit nicht nutzen, als ihnen nicht nur durch Rill der überraschende Ausgleich per Verlegenheitsweitschuss gelang (66.), sondern Mittelfeldmann Öztürk bereits zuvor aus sechs Meter Torentfernung an VfL-Verteidiger Mike Baradel scheiterte. Unterm Strich enttäuschte der gastgebende SSV in Sachen Sturm und Drang. Auch der eine Viertelstunde vor Schluss eingewechselte Ex-VfL-Stürmer Roberto Forzano konnte dem Reutlinger Offensivspiel keine entscheidenden Akzente mehr geben.
Selbige setzte auf Seiten des VfL vor allem einer am gestrigen Abend zuhauf: Uwe Beran. Als Dreh- und Angelpunkt einer um flüssigen Kombinationsfußball bemühten VfL-Elf sammelte der quirlige 21-Jährige etliche Fleißpunkte. Die Variante, ihn als zwischen Angriff und Mittelfeld allzeit anspielbereiten Ballverarbeiter aufzustellen, hat sich seit gestern endgültig bewährt. Da ist der eher enttäuschende Auftritt von Sabri Gürol, der in der Sturmspitze bis auf den Treffer zum 3:1-Endstand in der Nachspielzeit und einen Pfostentreffer kurz nach Halbzeit kaum auf sich aufmerksam machen konnte, auch mal zu verschmerzen.
Trost für Gürol: Wie man verkorkste Auftritte postwendend vergessen machen kann, zeigte gestern Christian Kuhn. Im Neckarrems-Spiel vergangenen Samstag noch Zielscheibe des Kirchheimer Fanspotts, gelang dem Außenbahnflitzer gestern der lang ersehnte Durchbruch – sein Treffer zum 1:0 war Ausdruck der VfL-Überlegenheit in der ersten Halbzeit.
Dass selbige auch nach der Pause Bestand hatte, war bei aller Kirchheimer Spielfreude auch der Reutlinger Harmlosigkeit geschuldet. Der SSV, bis dato immerhin das fünftheimstärkste Team der Oberliga, fand kein Mittel gegen die Kirchheimer Mannschaft, in der sich die drei Ex-Regionalligakicker Welm, Barth und Kümmerle Bestnoten verdienten.
Ob die drei Routiniers den Unterschied gegen die weitestgehend mit Youngstern gespickten Reutlinger ausmachten, sei dahin gestellt. Fakt ist: Der VfL hat sich mit diesem Sieg seiner gröbsten Abstiegssorgen entledigt – der Vorsprung auf den mutmaßlich ersten Abstiegsplatz beträgt seit gestern elf Punkte. Der ehemalige Zweitligitst von der Kreuzeiche steckt hingegen mitten im Abstiegskampf. Fünf Zähler trennen den SSV noch von der Verbandsliga. Ob der Reutlinger Negativtrend – aus den letzten fünf Spielen gab‘s nur vier Punkte – ausgerechnet am kommenden Samstag beim Tabellenvierten TSG Balingen gestoppt werden kann, ist fraglich.
Und der VfL? Der kann im günstigsten Fall am Wochenende auf Platz fünf klettern – vorausgesetzt, die vor ihm liegenden Konkurrenten patzen und man selbst gewinnt beim SGV Freiberg (Anpfiff am Samstag um 15.30 Uhr). Bis dahin freut man sich beim VfL erstmal über den neunten Platz und dass man zum ersten Mal seit Ende September überhaupt wieder auf einem einstelligen Tabellenplatz steht.
