Lokalsport
Reifetest bestanden

Interview Nach drei Wochen bei der Vuelta kennt in der Premier League des Radsports jeder den Namen Jannik Steimle. Von Bernd Köble

Plötzlich geht es nicht mehr nur rund um den Kirchturm, wie er es nennt, sondern im Scheinwerferlicht über die ganz große Bühne im Radsport. Für Jannik Steimle war das Jahr 2020 im Trikot von Deceuninck Quick Step Startschuss für eine erfolgversprechende Karriere als Profi. Nach seiner ersten Spanien-Rundfahrt, die am Sonntag in Madrid zu Ende ging, sprachen wir mit dem 24-jährigen Weilheimer über Karrierepläne und einen knapp verpassten Etappensieg.

 

Jannik, drei harte Wochen liegen hinter Ihnen. Worauf freut man sich am meisten, wenn man nach Hause kommt?

Vor allem aufs eigene Bett, die eigenen vier Wände. Freundin, Familie, einfach mal wieder daheim zu sein. Ich bin jetzt seit 10. Oktober permanent unterwegs. Es ist schön, mal wieder ein paar Kleider aus dem Schrank zu nehmen und nicht immer nur aus dem Koffer.

 

Was machen die Verletzungen nach dem Sturz am vorletzten Etappentag?

Ich wurde am Knie und an der Hüfte mehrfach getackert. Mein Ellbogen wurde noch direkt im Ziel mit acht Stichen genäht und an der Elle sei ein Knochen leicht gesplittert. Die letzten beiden Tage waren schon die Hölle. Am Samstag warteten immerhin noch einmal 4500 Höhenmeter bei Regen und Kälte. Ich konnte halt kaum mehr im Stehen fahren, weil ich nicht wusste, wie ich den Lenker festhalten soll. Zum Glück habe ich mich am Morgen noch für Handschuhe entschieden, was ich sonst nie mache, wegen des besseren Gefühls. Ohne die wäre das Rennen vermutlich aus gewesen.

 

Immerhin sind Sie dank der Eurosport-Kommentatoren jetzt einem breiten Fernsehpublikum als „Mumie“ bekannt.

Ich hab’s mitbekommen. Vielleicht konnte ich damit wenigstens meinen Charakter zeigen, dass ich nicht so leicht unterzukriegen bin. Ich hab in Madrid noch bis fünf Kilometer vor dem Ziel die Tempoarbeit fürs Team übernommen, bin dann aber sicherheitshalber rausgefahren, um mich aus dem Schlusssprint rauszuhalten.

 

Welche Kommentare haben Sie besonders gefreut?

Vor allem natürlich die Anerkennung von prominenten Ex-Kollegen wie zum Beispiel Marcel Kittel, Jens Voigt oder auch von meinem Teamchef Patrick Levefere. Ich denke, im Fahrerfeld kennt mich jetzt jeder, nicht nur wegen meiner Verletzungen, sondern auch wegen meiner Leis­tung.

 

Ist die Enttäuschung über den knapp verpassten Etappensieg inzwischen verraucht?

Die war schon groß. Ich habe auf diesen Tag spekuliert. Wenn man Dritter wird und hinterher sieht, was möglich gewesen wäre, ärgert einen das schon. Ich wollte auch am nächsten Tag noch mal angreifen, weil ich mich richtig gut gefühlt habe, doch dann wurde ich 35 Kilometer vor dem Ziel in einer Kurve nach außen gedrängt, kam auf Schotter und das war’s. Vielleicht habe ich in dem Moment zuviel gewollt.

Ist es eigentlich von Vorteil, wenn einen als Debütant nicht jeder im Feld kennt?

Wenn du das Trikot von Quick Step trägst, stehst du automatisch im Fokus. Wir haben es in keinem Rennen leicht, eine Spitzengruppe zu bekommen, weil jeder weiß, dass es gefährlich wird.

 

In jedem Fahrerfeld, in jedem Team gibt es Hierarchien. Auch Regeln, die man als Neuling kennen und besser auch beachten sollte?

Wenn du von einem Zweitligisten zum FC Bayern wechselst, kommt man natürlich nicht in die Kabine und spielt den großen Helden. Ich bin zurückhaltend und schaue mir die Dinge an, versuche, möglichst viel mitzunehmen und dann auch umzusetzen. Entscheidend ist, dass man aus Fehlern lernt. Nach der Etappe am Donnerstag hat man mir schon klar gesagt, wenn ich das Hinterrad von Michael Morkov gehalten hätte, dann hätte mich kein Ackermann und kein Philipsen geschlagen. Für mich war das eine neue Situation, weil ich im Sprint bisher immer auf mich alleine gestellt war. Plötzlich hast du einen Anfahrer und begreifst, du kannst eine Vuelta-Etappe gewinnen. Da wird man nervös und entscheidet sich in einer Millisekunde für das Falsche. Das ist wahrscheinlich so, als wollte man mit zwei Promille das Schlüsselloch treffen. Trotzdem sehe ich und auch alle anderen im Team einen dritten Etappenplatz bei der ersten Grand Tour als Riesenerfolg.

 

Wann wird einem bewusst, dass dies der Tag sein könnte, um alles auf eine Karte zu setzen?

Man kriegt natürlich im Radio (die Funkverbindung mit der Teamleitung im Rennen, Anm. d. Red.) einiges mit, was hinten passiert. Am letzten Berg habe ich ein paar Namen gehört, die abgehängt waren. Da dachte ich o.k., die Chance wird eigentlich immer größer. Als ich auf dem letzten Kilometer die Flamme Rouge gesehen habe und plötzlich Michael vor mir war, da wusste ich, jetzt wird’s ernst.

 

Auf die Belastung einer dreiwöchigen Rundfahrt kann man sich als Neuling kaum vorbereiten. Wie geht man im Rennen mit dieser Ungewissheit um?

Die erste Woche wird man im Team schon ein wenig eingebremst. Das Problem ist, dass dies vom Niveau her keine normale Vuelta war, das haben mir viele Kollegen bestätigt. Wenn eine Flachetappe 3000 Höhenmeter hat und vom Start weg die Post abgeht, dann hört es schnell auf mit Kräftesparen. Einige Fahrer werden von Woche zu Woche besser, andere genau umgekehrt. Ich hatte zum Glück am Ende meine stärkste Woche und war auch im Kopf voll da. Ich hätte mich tatsächlich gefreut, wenn es noch ein paar Tage weitergegangen wäre.

 

Ist das die vielleicht wichtigste Erkenntnis, dass man in der Lage ist, während einer großen Rundfahrt Form aufzubauen?

Auf jeden Fall. Für mich ist das mit Blick auf die neue Saison enorm wichtig, weil ich sehe, wozu ich in der Lage bin. Dass ich gemessen an den wenigen großen Rennen, die ich bestritten habe, einen guten Motor habe. In der ersten Woche kann das noch Zufall sein, in der letzten Woche nicht mehr. Natürlich ist das auch wichtig für den Stellenwert im Team.

Wie hat sich Ihre Rolle im Team durch dieses Jahr verändert und was bedeutet das für die nächste Saison?

Ich glaube einfach, dass ich in puncto Rennplanung mehr Wünsche äußern kann. Dass das Team weiß, dass es auf mich zählen kann, wenn es mal zu schwer wird für einen Massensprint und die Sprinter nicht mehr dabei sind am Ende. Das sind genau meine Tage. So wie auf der 15. Etappe, als ich Dritter wurde. Bei fünf Grad und Regen über fast 240 Kilometer war das ein richtiges Ausscheidungsrennen, in dem gerade noch 40 Mann zusammen angekommen sind. Den Rest im Feld hat’s hinten zerbröselt.

 

Regen, Kälte, Wind - Wie kommt es, dass Sie immer dann am stärks­ten sind, wenn andere am liebsten schon unter der heißen Dusche wären?

Dafür muss man am Rand der Schwäbischen Alb wohnen. Es gibt Kollegen aus Südamerika oder Südeuropa, die würden am liebs­ten gar nicht aus dem Bus steigen, wenn es regnet. Ich nutze im Winter und im Frühjahr immer das schlechte Wetter, weil ich weiß, dass es viele gibt, die da nicht rausgehen und sich lieber auf die Rolle setzen.

 

Die Saison ist um. Heißt das nun, Beine stillhalten?

Mein Plan ist, vier Wochen ruhig zu machen, das Rennrad stehen zu lassen. Vielleicht mal aufs Mountainbike oder eine Tour mit der Freundin oder mit Kumpels. Am 9. Dezember beginnt das Trainingslager in Calpe in Spanien, sofern das alles wie geplant stattfinden kann.

 

Gibt es schon erste Hinweise auf Ihr Rennprogramm im kommenden Jahr?

Noch nicht. Ich hoffe aber, dass ich nächstes Jahr den Giro fahren darf, weil mir da mehr Etappen entgegenkommen. Auch bei der Tour de France wird es diesmal viele Etappen geben, die eher den Klassikern ähneln. Mal schauen.

 

Die meisten Experten sind sich einig, dass der Radsport sauberer geworden ist. Wie geht man als junger Fahrer damit um, dass der Generalverdacht trotzdem immer mitfährt?

Das Enttäuschende ist, dass die wenigsten verstehen, was man tatsächlich investiert, um diese Leistung zu bringen. Dein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet. Leider haben wir es der Vergangenheit zu verdanken, dass der Radsport immer im Fokus steht, wenn es um Doping geht. Man erlebt schon auch, dass man im Training entsprechende Sprüche hintergerufen bekommt. Ich lass mich davon aber nicht unterkriegen. Ich kann von mir selbst sagen, dass ich sauber bin und nie etwas zu mir nehmen werde. Ich bin mittlerweile nicht mehr so unbekannt, auch in der Region hier daheim. Ich könnte ganz sicher nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn ich wüsste, dass irgend­etwas falsch wäre.