VfL-Coach Kraft weckt Erinnerungen an den Ex-Bundestrainer
Rudi Völler lässt grüßen

Ein Ausraster, eine bemerkenswerte Geste der Mannschaft gegenüber den treuesten Fans und ein paar blumige Sprüche des Trainers waren die nicht ­alltäglichen Begleiterscheinungen des Oberligaspiels an der Jesinger Allee.

Kirchheim. Nach einer Stunde Spielzeit gab Rainer Kraft seinem Offensivspieler Christian Kuhn das Zeichen zum Auswechseln. So weit, so gut. Der Mann mit der Nummer 24 hatte gegen Neckarrems nicht gerade seinen besten Tag erwischt. „Endlich!“ blaffte ein Zuschauer deutlich hörbar, als der Spieler vom Platz ging. Das brachte den Trainer auf die Palme. „Ruhe!“ schrie Kraft Richtung Haupttribüne. Spieler Kuhn reagierte erst mit beißendem Spott: Er zeigte dem Zwischenrufer seinen hochgereckten Daumen. Dann rastete er völlig aus. Kuhn warf eine volle Wasserflasche mit solcher Wucht gegen die Ersatzbank, dass deren gläserne Rückwand zu Bruch ging. Fazit: In der entscheidenden Phase der Saison liegen die Nerven blank – das ist in der fünften Liga nicht anders als bei den hochbezahlten Stars im Oberhaus.

Nach dem Spiel waren zumindest die Mannschaft und die Mitglieder des VfL-Fanclubs wieder ein Herz und eine Seele. Auf Geheiß des Trainers marschierten 13 Spieler über den Platz zur Gegengeraden und bedankten sich per Handschlag bei den sechs „Teck Tigers“ für ihre lautstarke Unterstützung. Bemerkens- und nachahmenswert.

Für Rainer Kraft sind aufregende Spiele wie gegen Neckarrems der reinste Schlankmacher. 90 Minuten verbringt er rastlos in seiner Coaching Zone, lässt sich zwischendurch erschöpft auf die Trainerbank sinken, um im nächsten Moment wieder wie das berühmte HB-Männchen in die Luft zu gehen und verzweifelt Anweisungen aufs Feld zu rufen.

Bei der anschließenden Pressekonferenz im Nebenzimmer der Klubgaststätte stand er immer noch unter Strom. Mit beißender Ironie bekamen die Spieler ihr Fett ab: „Sie haben sich viel zu wenig bewegt. Es fehlten nur noch Handtuch und Sonnencreme mit Schutzfaktor 20, und sie hätten sich auf den Rasen legen können.“ Verbale Haue gab‘s auch für die Kritiker von der Tribüne. „Die sitzen da oben, drei Weizen im Kopf, wissen nicht, welche taktischen Aufgaben die Spieler haben und passen sich mit ihren Kommentaren dem Niveau des Spiels an.“ Eine Wutreaktion, die Erinnerungen weckt. Da war doch mal was in der ARD zwischen Rudi Völler und Waldemar Hartmann.

Trotz aller Beckmesserei hat Kraft seine Zuversicht nicht verloren. Auf die Chancen im nächsten Spiel am kommenden Mittwoch (19 Uhr) beim SSV Reutlingen angesprochen, meinte er: „Wir haben eine Wundertüten-Mannschaft, und wenn wir genauso viel Glück haben wie diesmal, werden wir auch aus Reutlingen die Punkte mit nach Hause bringen.“