Kirchheim. Ohne gelernten Stürmer, mit umgekrempelter Hintermannschaft und drei A-Junioren auf der Ersatzbank hat der VfL zum ersten Mal in der Rückrunde einen Gegner geschlagen, der in der Tabelle vor ihm stand. Dabei waren so manch eingefleischtem Fan vor dem Spiel ob der bunt durchgewürfelten Kirchheimer Aufstellung Zweifel an den Erfolgsaussichten des VfL gekommen. Mit dem gelernten Innenverteidiger Michael Hofstetter und dem in dieser Saison zuvor nur einmal über 90 Minuten spielenden Steffen Mayer im Sturm überraschte VfL-Coach Kraft Freund und Feind genauso wie mit dem nie über die Rolle des Edelreservisten hinauskommenden US-Boy Ryan Callahan im zentralen Mittelfeld.
Doch die Rechnung sollte aufgehen, was nicht zuletzt an dem verblüffend agilen Hofstetter in der Spitze lag. Der 20-Jährige, der seine Leistung mit dem Treffer zum 2:0 krönte, sprühte wie die gesamte Kirchheimer Elf derart vor Spielwitz, Laufbereitschaft und Selbstbewusstsein, dass der sportlich Verantwortliche hinterher regelrecht ins Schwärmen geriet. „Das war heute Fußball, wie ich ihn mir vorstelle“, jubelte Rainer Kraft. Dass sich seine Vorstellungen mit denen des zuletzt so kritischen Kirchheimer Publikums deckten, bewies aufbrandender Szenenapplaus bei gelungenen Aktionen, aufmunternden Zwischenrufen bei Fehlpässen und immer wieder von heftigem Kopfnicken begleitete Lobesbezeugungen („der Einsatz stimmt“) für die Blauen. Da kann auch nur bedingt als kritische Anmerkung geltend gemacht werden, dass Gmünd nach zuletzt unzähligen englischen Wochen (Pokal und Liga) personell und konditionell auf dem Zahnfleisch daherkam. „Klar haben wir viel umstellen müssen“, so FC-Coach Helmut Dietterle, „aber das können wir nicht als Ausrede nehmen. Der VfL hat verdient gewonnen.“
Bleibt die Frage, wie es eine Mannschaft schaffen kann, seinen Zuschauern binnen neun Tagen zwei so grundverschiedene Leistungen anzubieten – den Unterschied zwischen dem Heim-Desaster gegen Neckarelz und dem Heim-Bonbon gestern Abend gegen Gmünd erklärt Rainer Kraft so: „Eine Mannschaft ist ein sehr sensibles Gebilde, da geht ein solches Theater wie in den vergangenen Wochen nicht spurlos vorbei.“ Im Umkehrschluss bedeutet dies nach Kraft‘scher Logik: Kaum hat der Trainer den Machtkampf mit Ferdi Er gewonnen, kehrt der Erfolg zurück. Kraft verblüfft in diesem Zusammenhang mit der Ansage, dass der nächste Spieler, der sich öffentlich über Dinge auslässt, die intern besprochen wurden, ebenfalls rausfliegt. „Das gilt auch für einen Benni Barth oder Mischa Welm“, betont der 48-Jährige und widerlegt damit, dass er von ihm verpflichtete Akteure den Arrivierten vorziehen würde. Der Spruch „Gut gebrüllt, Löwe“ passt diesbezüglich übrigens bestens: Krafts Sternzeichen ist Löwe.
Was – zumindest bis zum nächsten Spiel am kommenden Samstag in Weinheim – bleibt, ist die Erkenntnis, dass der VfL durchaus noch in der Lage sein kann, (s)ein Publikum zu begeistern und so flexibel auf personelle Umstellungen reagieren kann, ohne dadurch zwangsläufig an Sicherheit zu verlieren.
