Gary Stingemore und Francis Derren sind zwei von zehn Briten im bis heute laufenden Hahnweid-Wettbewerb 2011
Segelfliegen – sogar besser als Fußball

Über Jahrzehnte hinweg waren sie eher dünn gesät, neuerdings gehören sie zum festen Inventar: Segelflieger aus Groß-britannien zieht‘s immer öfters zum Kirchheimer Hahnweid-Wettbewerb. Zehn Insel-Piloten fliegen allein in diesem Jahr mit – fast zehn Prozent des Starterfelds. Es ist ein neuer Trend.

Kirchheim. Gary Stingemore stammt aus dem Mutterland des Fußballs und ist das, was dort fast alle sind: Soccer-Fan. Noch lieber als über Beckham, Ferguson und seinen Heimatverein Nottinghan Forest, ein Zweitligist, plaudert der 51-Jährige übers Segelfliegen. „Mit 15 Jahren saß ich zum ersten Mal im Cockpit“, berichtet er. Dass der Vater bei der Royal Air Force (RAF) war, hat bei ihm ziemlich abgefärbt: Später beschritt auch Stingemore junior zum Zwecke des Brötchenverdienens diesen Weg. Heute ist der Mann routinierter Berufspilot für lange Strecken („zum Beispiel von London nach New York“) ebenso wie erfolgreicher Hobby-Segelflieger – der Parallel-Entwurf zu Wolf-Hirth-Vorzeigemitglied Holger Karow. Letzterer ist zweifacher Weltmeister, der Brite mehrfacher nationaler Meister und EM-Dreizehnter.

Stingemore meets Karow: Die Talkstunde zweier alter Flughasen hätte spannend werden können, schon im Hinblick auf die Risiko- und Sicherheitsfragen, die sich nach dem jähen Unfalltod ihres deutschen Fliegerkameraden am Donnerstag neues­tens stellen. Doch Karow fehlt 2011 auf der Hahnweid-Starterliste, und so tauschte sich der Brite unter der Woche verbal vorzugsweise mit seinen mitfliegenden Landsmännern aus. Russell Cheetham gehört auch zur britischen Glider-Truppe, und er ist ein echter Hahnweid-Star. „Er ist 2010 in Litauen Europameister der 18-Meter-Klasse geworden“, sagt Stingemore nicht ohne Stolz.

Die zehn Engländer in Kirchheim pflegen ein besonders kollegiales Verhältnis, und etwaiger Futterneid auf segelfliegerische Kollegen-Meriten ist in keiner Silbe herauszuhören. Dafür viel Aufmunterung. Man feuert sich gegenseitig auch dann noch an, wenn Fliegerhalle, Fluglinie und Landebahn schon seit Stunden verlassen sind. „Nach der Wettbewerbsneutralisation am Dienstag sind wir zu viert zur Burg Teck gejoggt“, sagt Francis Darren, wie Cheetham und Stingemore Mitglied der britischen Segelflug-Nationalmannschaft. War der 20-minütige Berg- und Trainingslauf steil hinauf zum Wahrzeichen ein schweißtreibender Job, so sollte der anvisierte Stuttgart-Trip ins Automuseum am nächsten flugfreien Tag bes­tenfalls relaxed und just for fun sein. Sowohl Stingemore als auch Derren mögen deutsche Autos – der eine fährt auf Mercedes, der andere auf Porsche ab. Doch nach dem unverhofften Himmelfahrts-Drama war ihnen die Lust auf Souvenirs und Sehenswürdigkeiten erstmal gründlich verdorben. So wie allen auf der Hahnweide, die in der 45-jährigen Veranstaltungs-Historie ihren absoluten Tiefpunkt erlebte: Beim Ausüben seines Hobbys erlitt ein eingetragener Wettbewerbs-Segelflieger tödliche Absturzverletzungen.

Und so wird Gary Stingemore, wenn er morgen auf dem Hahnweid-Campingplatz seine Siebensachen in den Wagen packt und die 12-stündige Rückfahrt nach Nottingham antritt, mit gemischten Gefühlen abreisen. Ob er nächstes Jahr wiederkommt, ist offen und hängt von vielen Faktoren ab – nicht zuletzt von seiner Urlaubsplanung. Seine Freizeit ist knapp bemessen. „Schon am Montag muss ich wieder fliegen“, sagt er. Dann sitzt er beruflich im Cockpit.

Fliegen – es ist seine Leidenschaft. Bereits 2010 war Stingemore Hahnweid-Pilot, und das erfolgreich: In der 18-m-Klasse gelang ihm, der die lokalen thermischen Verhältnisse kaum bis gar nicht kannte, überraschend der Gesamtsieg. Diesmal, im zweiten Jahr, lief es weniger gut für ihn, sprangen lediglich die Tagesplätze 28, 24 und 8 heraus – enttäuschend für ihn. „Eigentlich wollte ich wieder in die Top Ten“, sagt er. Das ist am heutigen Schluss­tag kaum mehr zu schaffen.

Abseits des Landegrüns mischen die Briten das Pilotenfeld beim Hahnweid-Wettbewerb indes schon längst auf: Zahlenmäßig ist der Zehner-Mannschaft ein Spitzenplatz im Pilotenfeld sicher. „Acht unserer Piloten starten bereits im zweiten Jahr in Kirchheim“, sagt Francis Derren, der auf das Wettbewerbs-Ambiente schwört: „Seit der Segelflug-Wettbewerb im spanischen Ocanea nicht mehr stattfindet, kommen wir nach Deutschland. Die Organisation beim Hahnweid-Wettbewerb ist ausgezeichnet.“ Denkbar, dass Derren und Co. im nächsten Jahr wieder kommen werden – in identischer Besetzung.