Ehrenamt in der Krise
Sportkreispräsidentin Margot Kemmler: „Es fehlt an Köpfen und Hallen“

Die Herausforderungen für Sportvereine wachsen – auch im Landkreis Esslingen. Zwischen Nachwuchssorgen in der Vereinsführung, fehlenden Sportstätten und bürokratischen Hürden stehen viele der rund 380 Vereine unter zunehmendem Druck. Im Interview schildert Margot Kemmler, seit 2022 Vorsitzende des Sportkreises Esslingen, wie sich die Lage konkret darstellt, welche Unterschiede es zwischen Stadt und Land gibt und welche Unterstützung sie sich von Politik und Verwaltung wünscht.

Margot Kemmler. Foto: pr

Frau Kemmler, wie stellt sich die Lage im Sportkreis Esslingen dar – spüren die Vereine den bundesweit beschriebenen Mangel an ehrenamtlichen Funktionsträgern auch?

Bei den aktuell 380 Sportvereinen im Kreis Esslingen wird der Druck bei Neuwahlen der Vorstandschaft immer größer. Es gibt zunehmend mehr Vereine, die durch ein gleichberechtigtes Vorstandsteam geleitet werden. Dabei ist ein Unterschied zwischen Vereinen in urbanem Umfeld und im eher ländlichen Raum feststellbar. Nehmen wir nur Esslingen als Beispiel, bei rund 60 Sportvereinen fällt es jedem einzelnen Verein immer schwerer ehrenamtliche Vorstandsmitglieder zu finden

Welche Bereiche sind im Sportkreis besonders betroffen – geht es eher um Vorstandsämter, Trainerinnen und Trainer oder auch um Helfer im Hintergrund?

Es geht in der Tat eher um Vorstandsämter und Helfer im Hintergrund. Diese Aufgaben sind noch wirkliche Ehrenämter, ohne extra Geldzuwendungen, außer natürlich den Aufwandsersatz. Bei Übungsleiterinnen und Übungsleiter sowie Trainerinnen und Trainern handelt sich zu immer größer werden Teil um Geldbeträge, die je nach Sportart und Ausbildung einem Zweiteinkommen gleichkommen. Auch hier gibt es das Stadt-Land-Gefälle.

Der Bericht nennt auch marode oder fehlende Sportstätten als wachsende Herausforderung. Wie gravierend sind die infrastrukturellen Probleme für die Vereine im Landkreis?

Inzwischen ist die Situation gravierend, vor allem in größeren Städten. Bei der Städteplanung werden leider immer noch nicht geeignete Sportstätten, vor allem Mehrfeldsporthallen mit geplant. Die Bewohnerzahlen steigen, die Anzahl der Sportstätten leider nicht.

Welche konkreten Unterstützungsmaßnahmen wünschen Sie sich von Politik und Verwaltung, um die Vereine langfristig zu entlasten?

Der Sport per se wird als Ort von gelungener Integration, sozialem Zusammenhalt und als ein Ort der Diversität und Demokratie genannt. Es bleibt aber oftmals bei verbalem Lob. Von der Politik erwarten wir daher pragmatisches Handeln in Bezug auf monetäre Unterstützung, zum Beispiel die Möglichkeit der Mehrfachbezuschussung bei Neubauten und Sanierungen; unkomplizierte Genehmigungsverfahren beim Bauen von, Überdachungen oder Beschattungen von Spielfeldern, Lagercontainer oder ähnliches. Von den Kommunen sollten, auch im Hinblick auf das Ganztags-Förderungsgesetz, Sportkoordinatorinnen und -koordinatoren eingesetzt werden. Dies würde für viele Vereine ohne Hauptamtlichkeit eine enorme Erleichterung darstellen. Und natürlich ist der viel zitierte Bürokratieabbau ein wichtiger Faktor für eine gut funktionieren Vereinslandschaft.

Trotz aller Herausforderungen gilt die finanzielle Lage vieler Vereine noch als stabil. Teilen Sie diese Einschätzung für den Sportkreis Esslingen oder sehen Sie hier Risiken?

Die Risiken treten spätestens dann zu Tage, wenn eine größere Sanierung oder ein Neubau anstehen. Dabei ist die aktuelle wirtschaftliche Lage ein Faktor, denn im Moment sind Firmen nicht mehr so spendabel, besonders im Breitensportbereich. Dann sind die ehrenamtlichen Helfer eher in der Unterzahl, das heißt, dass der Bereich Eigenleistung immer kleiner zu Buche schlägt und es muss der größte Teil der benötigten Gelder über Kredite finanziert werden. Viele Gemeinden sind überschuldet und konsolidieren dann bei den Freiwilligkeitsleistungen, zu denen der Sport auch gehört, dies bedeutet ein weiteres Risiko für die schwarze Null für die Vereinsfinanzen.