Fußball: Für den gefeuerten Stefan Haußmann übernimmt ein Quartett
VfL: Trainer „viergeteilt“

Vor dem Sonntagsspiel in Bietigheim hatte VfL-Trainer Stefan Haußmann noch voller Zuversicht verkündet: „Heute lassen wir die Bombe platzen.“ Am Ende wurde es ein Rohrkrepiererle – 2:2 beim Tabellenletzten. Die Bombe platzte mit Verzögerung, aber nicht so, wie sich der 37-Jährige das vorgestellt hatte: Nach einer Krisensitzung mit Abteilungsleitung, Trainern und Mannschaftsrat wurde Haußmann entlassen. Zudem wurde Spieler Gaetano Caruana von seiner zusätzlichen Aufgabe als Co-Trainer entbunden.

Kirchheim. Haußmann war wie vor den Kopf gestoßen. Zwei Jahre hatte er die zweite Garnitur des VfL in der Bezirksliga trainiert. Sich dann bereit erklärt, für kleines Geld eine Mannschaft für die Verbandsliga aufzubauen. Das gelang ihm, gut vernetzt, mit organisatorischem Geschick. Aber trotzdem war jedem von Anfang an klar, dass es mit dieser Truppe nur um den Klassenerhalt gehen kann.

Die Bilanz nach elf Spieltagen unterstreicht die bescheidenen Erwartungen: Acht Punkte, zwölfter Tabellenplatz. Noch kein Heimsieg. Zu wenig nach Ansicht der Verantwortlichen. „Ich mag Stefan Haußmann als Mensch. Wir haben uns bisher sehr gut verstanden. Aber aufgrund der sportlichen Situation waren wir zum Handeln gezwungen“, sagt Abteilungsleiter Fabian Preuß. „Enttäuschend waren vor allem die Vorstellungen gegen Bösingen und Bietigheim. Aus diesen beiden Spielen fehlen uns vier Punkte. Die Maßnahmen, die wir getroffen haben, sind nicht schön, aber sie waren unbedingt notwendig.“

Interessant in diesem Zusammenhang, dass die Initiative zur Trainerentlassung nicht nur „von oben“, sondern auch aus der Mannschaft kam. „So kann es nicht weitergehen“, sagten einige Spieler nach den unbefriedigenden Resultaten der vergangenen Wochen. Ein Stein des Anstoßes war der Führungsstil des Trainers. Haußmann ist keiner, der gleich explodiert, wenn ihm etwas nicht passt. Von seiner Mentalität ist er eher zurückhaltend. Einer, der die Spieler an der langen Leine lässt. So verhielt er sich auch am Spielfeldrand. Oft warteten ratlose Spieler vergebens auf taktische Ratschläge von draußen. Abteilungsleiter Preuß sagt, er habe mit seiner Art nicht zu dieser Mannschaft gepasst und verdeutlicht das mit einem Vergleich aus der Bundesliga: „Umgekehrt hat es mit dem autoritären Magath in Wolfsburg nicht mehr geklappt. Dann kam Köstner, verteilte Streicheleinheiten, und schon gewann die Mannschaft.“

Einen Nachfolger für Haußmann gibt es vorerst nicht. Seine Funktion wird von einem Quartett übernommen. Das vorläufige Motto: Der Trainerposten wird „viergeteilt“. Für das Heimspiel morgen gegen den VfB Neckarrems haben zwei Spieler, Torwart Manuel Doll und Sören Mende, der Sportliche Leiter Janusz Szuta und Teammanager Markus Brühl das Sagen. „Das sind erfahrene Leute. Ich habe volles Vertrauen in sie, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen“, sagt Preuß. Erste positive Ansätze will er schon am Dienstag erkannt haben, als der Kader das erste Training unter neuer Leitung absolvierte: „Die Stimmung war sehr gut. Alle haben sich voll reingehängt.“

Ob der Viererrat eine Lösung auf Zeit darstellt, ist offen. Preuß: „Wir warten das Spiel morgen ab und werden uns am Montag wieder zusammensetzen. Es kann sein, dass wir bis Saisonende so weitermachen. Es kann aber auch sein, dass wir uns zeitnah nach einem neuen Trainer umschauen. Die ersten Kontakte sind schon geknüpft.“ Wobei natürlich auch die Geldfrage eine nicht unerhebliche Rolle spielt.

Völlig neu ist die Situation für Gaetano Caruana. Bisher war er in seiner Doppelrolle als Co-Trainer und Spieler lautstarker Antreiber auf dem Feld. Nun wurde er in seinen Kompetenzen beschnitten, ihm wurden zwei Mitspieler vor die Nase gesetzt. Trotzdem soll er als Führungsspieler weiterhin Vollgas geben. Man darf gespannt sein, wie er die schwierige Aufgabe meistert.

Gegen den VfB Neckarrems kann sich Caruana noch in Ruhe damit auseinander setzen. Eine Knieverletzung verhindert seinen Einsatz. Aber auch ohne ihn erwartet Preuß, dass mit dem ersten Heimsieg der Knoten endlich platzt. „Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Die Mannschaft hat Potenzial. Sie muss es nur abrufen.“

Und Stefan Haußmann? Für den wird es zum ersten Mal nach langer Zeit ein stressfreies Wochenende, an dem er sich voll und ganz seiner Familie widmen kann. Zu den Vorgängen um seine Person beim VfL wollte er auf Nachfrage keinen Kommentar abgeben.

 

KOMMENTAR

Stefan Haußmann ist kein Mann großer Worte. Dass er in der Stunde seiner größten sportlichen Niederlage – seiner Entlassung als VfL-Cheftrainer – nicht gegen die Verantwortlichen an der Jesinger Allee nachtritt, ehrt in. Gleichzeitig passt die Tatsache, dass er zu seinem Rauswurf keinen Kommentar abgeben will, ins Bild, das er seit vielen Jahren in der lokalen Fußballszene abgibt. Schon zu Zeiten, als er in Notzingen, Köngen und Neuffen das Zepter schwang, hielten ihm Kritiker eine zu laxe Umgangsform mit den von ihm betreuten Mannschaften vor: Ein Kumpeltyp, der Konfrontationen scheue und nicht in der Lage sei auf den Tisch zu hauen, heißt es.

Dass der VfL bei seinem Neustart in der Verbandsliga aber offenbar genau das Gegenteil braucht, um erfolgreich zu sein, kann man Haußmann freilich nicht zum Vorwurf machen. Diesen Schuh müssen sich die Abteilungsoberen anziehen, die, - wie schon die Verantwortlichen in Haußmanns vorherigen Klubs - die wahren Fähigkeiten des 37-Jährigen verkannt haben. So laut die Kritik an seiner Eignung als Trainer an der Seitenlinie auch sein mag, so brillant ist sein Händchen beim Organisieren im Hintergrund. Haußmann ist dank exzellenter Kontakte, eines engmaschigen Netzwerks und seiner besonnenen Art der geborene Manager. Den Nachweis dafür hat er erbracht seit feststand, dass der VfL eine Mannschaft für die Verbandsliga melden würde, und er in aufopferungsvoller Weise an einer schlagkräftigen Truppe bastelte. Nicht umsonst wurden die Verantwortlichen auch im Moment der Trennung nicht müde zu betonen, wie dankbar sie Haußmann für die geleisteten Dienste seien.

Ist also einmal mehr Undank der (Fußball-)Welt Lohn? Diese Frage stellt sich angesichts der Schnelllebigkeit, in dem auch im Amateursport nur noch Erfolg und Misserfolg gegeneinander aufgerechnet werden, nicht. So fragwürdig die Entlassung Haußmanns aus moralisch-menschlicher Sicht auch sein mag, wird nur das nackte Ergebnis nach dem 30. Spieltag über die Richtigkeit dieses Schritts entscheiden: Steigt der VfL am Ende der Saison nicht ab, haben sie an der Jesinger Allee alles richtig gemacht. Bis dahin sind neben den Strippenziehern neben dem Platz vor allem jene Spieler gefordert, die mit an Haußmanns Stuhl gesägt haben. Nur wenn sich Erfolg in Form von Punkten einstellt, wird auch in diesem Fall wieder der Zweck die Mittel geheiligt haben.PETER EIDEMÜLLER