Kirchheim. „Entschuldigung“, räuspert sich der junge Mann mit der hohen Stirn und hält sich die Hand vor den Mund – wer glaubt, die Jugend von heute hätte längst alle Manieren über Bord gekippt, hat Georgi Natsis noch nicht kennengelernt. Der 18-Jährige begrüßt mit festem Händedruck, redet mit Bedacht und stetem Augenkontakt und zeichnet so den kompletten Gegenentwurf zum gängigen Klischee postpubertärer Fußball-Prolos.
Gründe, abzuheben, gäb‘s dabei genug. Schließlich steht Natsis, der seit zweieinhalb Jahren beim VfL Kirchheim als Innenverteidiger oder klassischer „Sechser“ kickt, vor dem Sprung ins Profigeschäft. Der tschechische Erstligist FC Brünn, der in der Landessprache FC Zbrojovka Brno heißt, will den Kirchheimer A-Jugend-Verbandsstaffel-Kicker zwei Jahre an sich binden. „Bei so einem einmaligen Angebot musste ich nicht lange überlegen“, gibt er zu.
Erhalten hat er es nur auf den ersten Blick zufällig. Seit er fünf Länderspiele für die tschechische Jugendnationalmannschaft gemacht hat, ist er den Scouts im Heimatland seines Vaters ein Begriff. Stergios Natsis, dem Namen nach unverkennbar ein Tscheche mit griechischen Wurzeln, zieht im Hintergrund die Fäden für seinen Sohn. Der 52-Jährige, der früher selbst aktiv in der zweiten tschechischen Liga war und auch einen der deutschen A-Lizenz vergleichbaren Trainerschein besitzt, ist größter Fan und schärfster Kritiker in Personalunion. „Kritik im positiven Sinne“, schmunzelt der Papa, der mit seinem Sohn oft noch nach dem Training Sonderschichten einlegte und nach eigener Aussage bei bisher jedem Spiel des Filius Zaungast war.
Auch bei dem vor drei Jahren, als die Familie auf Heimatbesuch in Tschechien war und der Co-Trainer der damaligen U17-Nationalmannschaft während eines Trainingsspielchens auf Georgi aufmerksam wurde und ihn gleich in den Kader berief. Im Herbst 2008 dann der (vorläufige) Höhepunkt seiner noch jungen Laufbahn. Natsis gewinnt in Fulda mit der Auswahl Tschechiens ein Testspiel gegen Deutschlands U17 – jene U17, die ein Jahr später Europameister wurde und in der unter anderem Dortmunds aktueller Shooting-Star Mario Götze mitspielte. „Das war genial“, schwärmt Georgi Natsis noch heute, „als in Deutschland Geborener gegen Deutschland in Deutschland zu spielen.“ Kurios: Einer seiner Gegenspieler war der Frickenhausener Marvin Plattenhardt, mit dem er damals beim SSV Reutlingen in der B-Jugend spielte und der mittlerweile beim 1. FC Nürnberg zu sechs Bundesligaeinsätzen gekommen ist.
Der Sprung ins Profilager winkt nun auch Georgi Natsis – aber warum? Fragt man den Mann mit den drei Staatsbürgerschaften (deutsch, tschechisch, griechisch) nach seinen Stärken, winkt er lächelnd ab. „Der Satz, dass andere so etwas beurteilen sollen, klingt zwar abgedroschen, aber so sehe ich‘s auch“, sagt er bescheiden.
Andere, das schließt nicht zuletzt Thomas Stumpp ein, unter dem Natsis seit seinem Wechsel zum VfL trainiert hat. „Er hat einen unbändigen Willen, das hat ihn schon immer ausgezeichnet“, lobt Stumpp, dem es vor allem Natsis‘ Athletik und Spielübersicht angetan haben. Die hätte sich Rainer Kraft, Trainer der Kirchheimer Oberligamannschaft, für die kommende Saison auch gerne gesichert. Natsis war der einzige A-Junior, der direkt ein Angebot für das VfL-Flaggschiff bekam, alle anderen sind erst mal für die Bezirksligatruppe vorgesehen. Dass er die „Blauen“ nun Richtung Tschechien verlässt, sorgt an der Jesinger Allee aber bei Weitem nicht für Gram, im Gegenteil. „Er wird zwar eine Lücke reißen, die nur schwer zu schließen sein wird“, sagt Thomas Stumpp, „aber es macht einen natürlich auch stolz, wenn ein Spieler, den man lange geformt hat, so eine Chance bekommt.“
Um diese nutzen zu können, will der Gymnasiast aus Denkendorf, der im März sein Abi mit den Leistungskursen Sport und Chemie gemacht hat, schon im Mai nach Brünn. Auf dem Programm stehen dabei Wohnung suchen und Anschwitzen – der Verein stellt ihm eigens einen Privattrainer, damit er bis zum Sommer auf Profi-Niveau kommt. Angst vor Heimweh hat Georgi dabei nicht, zumal er fließend tschechisch spricht. „Klar werde ich meine Freunde vermissen, aber ich habe da alles, was ich brauche.“ Nicht zuletzt sein Trikot mit der Nummer 18. „Ich hätte zwar lieber die 21 gehabt wie beim VfL, aber das ist auch okay.“
