Kirchheim. Never change a winning team – im Fall der deutschen 4 x 100-Meter-Staffel gilt die alte Sportlerweisheit zumindest heute Abend nicht. Das DLV-Quartett geht beim Diamond League-Meeting in Rom in veränderter Besetzung zum Bronzemedaillengewinn bei der EM im vergangenen August an den Start. War Deutschlands Sprint-Vierer vor knapp zehn Monaten in Barcelona noch mit Tobias Unger, Marius Broening, Alexander Kosenkow und Martin Keller aufs Podium gestürmt, so fehlen heute Abend in der italienischen Hauptstadt gleich zwei der EM-Helden von damals. Für den an der Achillesferse verletzten Alexander Kosenkow läuft Christian Blum, während Marius Broening durch Sebastian Ernst ersetzt wird – zu stark die Leistungen des Wattenscheiders Ernst während der Hallensaison, als er vor allem mit dem neuen deutschen 200-Meter-Rekord auf sich aufmerksam machte.
„Klar ist Marius enttäuscht“, berichtet Broenings bester Freund und Trainingskollege Tobias Unger, „aber er hat noch genug Möglichkeiten, sich für die Staffel zu empfehlen.“ Unger selbst wird anders als beim Bronzecoup von Barcelona heute nicht als Startläufer, sondern an Position drei eingesetzt. Staffelbundestrainer Ronald Stein schickt den schwarz-rot-goldenen Vierer in der Besetzung Blum, Ernst, Unger und Keller in das Rennen, bei dem es die Deutschen unter anderem mit den Staffeln Frankreichs (Europameister), Italiens (Vize-Europameister), Portugals und Kanadas zu tun bekommen – allesamt Teams, die den Staffelstab flott über die Stadionrunde bringen können. „Unsere Leistung wird richtig Aussagekraft haben, weil wir den direkten Vergleich haben“, glaubt Unger, der auf eine „gute Zeit“ zwischen 38,7 und 38,8 Sekunden spekuliert. Bei ihrem Bronzelauf von Barcelona waren Unger & Co 38,44 Sekunden schnell gewesen.
Je rascher er und Kollegen jedoch im Ziel sind, desto mehr wird‘s Unger entgegenkommen, kann er doch umso früher ins (Hotel-)Bett. Schließlich hebt freitagfrüh um 6 Uhr schon wieder der Flieger von Rom nach Stuttgart ab, den der Kirchheimer nach Möglichkeit auch nicht verpassen sollte. Punkt 14 Uhr steht im Rahmen seines Studiums nämlich eine wichtige Klausur an der Uni Tübingen auf dem Programm. „Optimal ist das terminlich alles natürlich nicht“, stöhnt Unger, „aber ich will unbedingt dieses Jahr mit dem Studium fertig werden.“
Seinen ersten Solostart plant der 31-Jährige für das Meeting in Regensburg Samstag in einer Woche über 200 Meter. Je nach Verlauf des lang ersehnten Comebacks über seine einstige Paradestrecke ist beim oberpfälzischen Wettkampfklassiker auch ein erneuter Einsatz in der DLV-Staffel anvisiert.
Ungers Kameraden aus der Kirchheimer Trainingsgruppe fiebern derweil ihrem Saisonstart am kommenden Samstag in Weinheim entgegen. Größtes Sorgenkind aus lokaler Sicht ist dabei Anja Wackershauser, die unter nicht näher definierten muskulären Problemen leidet. Gut möglich, dass Trainer Micky Corucle die 23-jährige Kirchheimerin vorsichtshalber schont und erst beim Meeting in Regensburg starten lässt. Hürdensprinter Lukas Erdmann will nach verletzungsbedingt verkorkster Hallensaison im Freien an alte Erfolge anknüpfen. Inwieweit dem 28-jährigen Weilheimer, der mittlerweile in Kirchheim lebt, das gelingt, bleibt abzuwarten, zumal er immer noch nicht schmerzfrei trainieren kann.
Mit Spannung wird auch der Auftritt des neuen Sprintsternchens am Kirchheimer Leichtathletikhimmel erwartet. Alex Schaf, in der Ukraine geborener Ex-Berufssoldat aus Friedrichshafen, sorgt seit der vergangenen Hallensaison für Furore im Dress des VfB Stuttgart, vertrat nach seinen guten 60-Meter-Leistungen sogar den DLV im Winter beim Länderkampf im schottischen Glasgow.
Mittlerweile hat Micky Corucle den 23-Jährigen unter seine Fittiche genommen und versucht, den gelernten Fitnesskaufmann auch beruflich im Raum Kirchheim unterzubringen. „Wenn‘s klappt, zieht er mit seiner Freundin hierher“, freut sich Corucle, der seinem neuesten Schützling bereits Großes zutraut. „Alex ist meiner Meinung nach ein Kandidat für Olympia 2012.“ Schaf selbst hat noch konkretere Ziele: „Ichmöchte irgendwann den deutschen Rekord von 10,06 Sekunden knacken.“ Ob‘s einen ersten Fingerzeig am Samstag in Weinheim gibt? Da geht er nämlich über 100 Meter an den Start.
