Das Kirchheimer Radrennen buhlt mit hochklassigem Amateursport um Publikumsgunst
Von Zuschauers Gnaden

Kirchheim zieht: Für die Radsportler gilt dies seit Jahren uneingeschränkt. Kaum ein Rennkurs im württembergischen Amateurbereich bietet eine attraktivere Kulisse als die übersichtliche Schleife durchs Herz der Teckstadt. Ob der GP Kirchheim nach einjähriger Abstinenz auch beim Publikum wieder zieht, muss sich am Sonntag zeigen.

Kirchheim. Bis jetzt hat Albert Bosler alles richtig gemacht. Er hat neue Geldgeber an Land gezogen, ein neues Organisationsteam auf die Beine gestellt, die Meldelisten aller drei Hauptklassen sind voll und sollte sich nicht die gesamte Meteorologen-Zunft irren, spielt am Sonntag sogar das Wetter mit. Einzige Unbekannte in der Rechnung: das Kirchheimer Publikum. Die Zeiten, als Tausende die Strecke säumten, um hochdotierten Profis zuzujubeln, sind vorbei, die Erinnerung an 2009 noch wach. Wo sich früher Zuschauer in vierter Reihe hinterm Sperrgitter drängten, herrschte entlang weiter Streckenteile gähnende Leere. Der Citysprint der Mountainbiker fand am Samstag fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Kirchheimer hatten genug gehört von Doping, Lügen und Betrug. Sponsoren holten die Fahnen ein und 2010 gab es kein Rennen auf dem Alleenring mehr.

Jetzt ist 2011 und die Hoffnung, dass sich das Feuer neu entfachen lässt, ist zurückgekehrt. Als „Lightweight-Cup“ mit neuem Titelsponsor, der als Hersteller selbst tief im Radsport verwurzelt ist und dessen Mann an der Spitze aus der Region, – genauer gesagt aus Ochsenwang – stammt. Beide Seiten sind überzeugt, dass sich in Kirchheim gefunden hat, was zusammen gehört. Bosler und Lightweight-Chef Erhard Wissler stehen für die Basis im Radsport ein. Der eine als Nachwuchsförderer im württembergischen Verband, der andere als Geldgeber im Breitensport. Beide wissen: Im Ringen um Glaubwürdigkeit ist Bescheidenheit gefragt. Deshalb suchte man schon 2009 Spitzenprofis vergeblich im Feld, und deshalb werden 2011 die C-Klasse-Amateure den Renntag eröffnen. Man wolle diesen Fahrern, darunter viele Nachwuchsleute, die Chance bieten, Punkte für den möglichen Aufstieg zu sammeln, sagt Albert Bosler. Denn solche Chancen bieten sich dem Nachwuchs immer seltener. Das Aus für viele Traditionsveranstaltungen im Land hat dazu geführt, dass junge Radsportler für den Erfolg immer weitere Wege in Kauf nehmen müssen. Ob es das Publikum honoriert, muss sich zeigen – die Sportler jedenfalls tun‘s: Das C-Rennen platzt mit 100 Startern aus allen Nähten. Mehr als 20 Bewerber mussten abgewiesen oder dazu überredet werden, ins Jedermann-Rennen zu wechseln. Auch im Hauptfeld der beiden Eliterennen kann Bosler inzwischen getrost auf Werbung verzichten. Für die süddeutsche Elite, wie die Racing Students aus Freiburg oder das Team Baier aus dem bayrischen Landshut, ist Kirchheim offenbar immer eine Reise wert. Ganz zu schweigen von den Stammgästen von Sparta Prag, die den Alleenring seit vielen Jahre schon fest im Kalender haben. Auch bei den Frauen gibt es Teams, die keine weiten Wege scheuen. Obwohl das Rennen nur national ausgeschrieben ist, sind Fahrerinnen aus Österreich und der Schweiz am Start – Ein Abkommen des württembergischen Verbands mit den Bodensee-Anrainern macht‘s möglich. Seit dieser Woche stehen zudem drei Nationalfahrerinnen aus Luxemburg auf der Gästeliste.

Doch wo viel Licht, ist immer auch Schatten. Gut gemeint war der Plan, mit einem Sponsoren-Rennen zugunsten des Bildungs- und Sozialfonds Kirchheim, sozial benachteilig­ten Kindern finanziell unter die Arme zu greifen. Jeder kann mitmachen, der Fahrrad und Helm besitzt und einen Sponsor im Rücken hat, der gewillt ist, für jeden gefahrenen Kilometer einen vereinbarten Geldbetrag zu spenden. Nur: Die Meldungen für das einstündige Rennen, bei dem es weder um Platzierungen noch um Zeiten geht, tröpfeln so spärlich, dass Albert Bosler von einer „großen Enttäuschung“ spricht. 15 Anmeldungen gab es bis Mitte der Woche. „Wir hatten erwartet, dass hier mehr geht“, gesteht Bosler.

Auch der Versuch, Sport-Prominenz für die gute Sache vor den Werbekarren zu spannen, scheiterte. Die letzte Absage kam vorgestern: Fußball-Idol Fritz Walter musste nach einer Terminkollision absagen. Der Weltmeister von 1954 steht im Vorprogramm des Uruguay-Länderspiels in Sinsheim am Sonntag mit der DFB-Traditionself auf dem Platz. Wort gehalten haben wenigstens zwei, denen die Sache schon von Berufs wegen am Herzen liegen muss: Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und Bürgermeister Günter Riemer werden sich auf zwei Rädern ein verwaltungsinternes Duell liefern. Die Hoffnung gilt dem Sonntag, denn jeder, der die Idee gut findet, ein paar Euro locker und einen halbwegs sportlichen Partner hat, kann sich bis kurz vor dem Start um 15.50 Uhr noch anmelden.