Fußball
Wenn der Mitspieler zur Aktie wird

Das beliebte Managerspiel „Kickbase“ bekommt mit „Promateur“ vom Internetportal fußball.de nun auch eine Version für den Amateurfußball. Wie diese Entwicklung zu bewerten ist. 

Die App Promateur, mit der man nun auch lokale Fußballspieler für seine Mannschaft kaufen und gegeneinander spielen lassen kann,
Die App Promateur, mit der man nun auch lokale Fußballspieler für seine Mannschaft kaufen und gegeneinander spielen lassen kann, könnte auch hierzulande auf dem Vormarsch sein. Foto: Markus Brändli

Samstag, kurz vor halb vier. Der Blick geht nicht nur auf den Fernseher, sondern immer wieder auch aufs Smartphone. Die Bundesliga steht unmittelbar vor dem Anpfiff – und für viele Fans beginnt damit längst ein zweiter Wettbewerb. „Kickbase“ heißt das Managerspiel, das den Blick auf den Fußball nachhaltig verändert hat. Wer einmal mitmacht, verfolgt Spiele zweifellos anders. Plötzlich zählen nicht mehr nur Tore und Ergebnisse wie bei einem einfachen Tippspiel, sondern die realen Details dazwischen: Pässe, gewonnene Zweikämpfe, Ecken, gespielte Minuten oder Rettungstaten. Aktionen, die früher oft untergingen, fließen nun in die Bewertung ein. Jeder Ballkontakt kann den Ausschlag geben und auf einmal werden selbst die Spiele geschaut, die sonst nie auf dem Schirm gewesen wären. Einfach nur deshalb, weil ein Spieler aus der eigenen Kickbase-Elf auf dem Platz steht.

Gesprächsstoff garantiert

Was einst als Spielerei begann und durch die TV-Show „Die Höhle der Löwen“ bekannt wurde, ist heute fester Bestandteil vieler Fußball-Wochenenden. Kickbase sorgt längst nicht mehr nur auf dem Sofa für Spannung. Es liefert Gesprächsstoff weit über den Spieltag hinaus: im Familienkreis, im Kollegenkreis und nicht zuletzt natürlich bei den Fußballern selbst. In Kabinen, auf Trainingsplätzen oder in WhatsApp-Gruppen geht es Anfang der Woche nicht mehr nur um Scorerpunkte oder vergebene Chancen, sondern auch um Marktwerte. Wer ist gestiegen? Wer gefallen? Wer hat rechtzeitig reagiert, wer den richtigen Moment verpasst? Gute Leistungen lassen den Wert eines Spielers wachsen, schwächere Auftritte drücken ihn. Kickbase ist damit mehr als ein kurzweiliger Zeitvertreib. Es verlangt Gespür, Geduld und ein feines Gefühl für Formkurven. Die Spieler werden auf einmal zur Aktie. Und Erfolg hat derjenige, der klug investiert, rechtzeitig verkauft und sein begrenztes Budget über die Saison hinweg geschickt vermehrt, um sich irgendwann auch die teuren Namen wieder leisten zu können.

Mit „Promateur“, einem neuen Managerspiel von fußball.de, wird das bekannte Prinzip jetzt auch auf den lokalen Fußball in der Region übertragen. Die Regeln sind dieselben, lediglich die Bühne eine andere. Statt Harry Kane, Deniz Undav oder Nico Schlotterbeck stehen nun die Kreisliga-Kicker, Bezirksliga-Routiniers oder AH-Spieler aus der Region im Fokus. Gerade darin liegt der besondere Reiz. Denn im Amateurfußball sind Namen plötzlich keine abstrakten Datenpunkte mehr. Man kennt sich, man grüßt sich, man teilt womöglich sogar Kabine und Bank. So bekommt auch der Spielbericht am Sonntagabend plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Der Linksaußen aus dem Nachbarort mit zwei Assists ist nicht nur Matchwinner, sondern auch virtueller Punktieferant. Der Torwart des eigentlichen Liga-Konkurrenten mit der weißen Weste wird zum Glücksgriff. Der eigene Innenverteidiger mit Gelb-Rot? Punktabzug und reichlich Diskussionsstoff. Der Fußballsonntag endet nicht mehr mit dem Abpfiff oder der dritten Halbzeit, sondern zieht sich bis in den Montag oder Dienstag hinein: in die Kabine, die Mittagspause, den Gruppenchat.

Noch kein Selbstläufer

In vielen Vereinen aus der Teck-Region ist diese Entwicklung längst angekommen. Interne Kickbase-Ligen gehören für zahlreiche Mannschaften schon zum Alltag, oft auch vereinsübergreifend. Promateur greift diese Dynamik auf und weitet sie auf den gesamten regionalen Fußball aus,

Noch ist das neue Managerspiel im Bezirk Neckar/Fils kein Selbstläufer, die Nutzerzahlen sind bis dato derzeit relativ überschaubar. Doch geht es dabei weniger um Leistungsdruck als um Identifikation. Ein solches Managerspiel kann den Blick weiten – auch auf Partien jenseits des eigenen Vereins, für die man sich sonst vermutlich nicht interessieren würde.

Ob sich Promateur langfristig etabliert, wird sich zeigen. Sicher ist jedoch: Die Idee trifft einen Nerv. Der Fußball verändert sich – nicht nur oben, sondern auch unten. Daten, Bewertungen und Formkurven sind längst Teil des Spiels geworden. Allein fußball.de stellt bis in die untersten Ligen detaillierte Statistiken bereit.

Vom Sofa auf den Sportplatz

Dass nun auch im Amateurfußball über Marktwerte, Punkte und Trends gesprochen wird, erscheint da fast logisch. Vielleicht war der Schritt vom Sofa auf den lokalen Sportplatz nur eine Frage der Zeit. Und womöglich lautet die Frage nach dem Spiel bald nicht mehr nur: Wie ist es ausgegangen? Sondern auch: Und – wie viele Punkte hast du gemacht?

So funktioniert Kickbase

Die Punktevergabe: Die Bewertung bei Kickbase basiert auf Live-Daten des internationalen Datendienstleisters Stats Perform (früher Opta). Dessen Analysten erfassen jede Aktion eines Spiels. Entscheidend ist dabei nicht der Gesamteindruck, sondern jede einzelne Szene eines Spielers auf dem Platz. Deshalb kann die Punktevergabe von klassischen Schulnoten oder journalistischen Einzelkritiken abweichen.
Der Modus: Gespielt wird in privaten Ligen mit Freunden, Familie oder Kollegen. Alle starten mit einem festen Budget und stellen daraus eine Mannschaft aus realen Bundesliga-Profis zusammen. Jeder Spieler ist pro Liga nur einmal verfügbar. Gekaufte Profis können über den app-internen Transfermarkt gehandelt oder auch wieder verkauft werden.
Die Punkte: Ein Tor bringt einem Feldspieler – je nach Position – etwa 80 bis 100 Punkte, ein Assist rund 35 bis 55 Punkte. Gewonnene Zweikämpfe zählen etwa zwei Punkte, abgefangene Pässe oder Blocks rund drei Punkte. Für ein gewonnenes Dribbling gibt es etwa fünf Punkte, für eine kreierte Großchance rund 15 Punkte.
Fehler werden klar bestraft: Gelb kostet etwa –10 Punkte, Gelb-Rot –30, Rot –50 Punkte. Verschossene Elfmeter oder Großchancen schlagen mit rund –30 Punkten zu Buche, Eigentore noch stärker. Pro Foul verlieren die Spieler etwa –5 Punkte.
Der Transfermarkt Der Marktwert eines Spielers richtet sich nach seiner Punkteausbeute. Täglich gegen 22 Uhr werden die Werte aktualisiert. Spieler in guter Form steigen im Preis, Akteure mit schwachen Leistungen oder ohne Einsatzzeit verlieren an Wert. So können Manager durch geschicktes Kaufen und Verkaufen zusätzliches Budget generieren. Aktuelle Beispiele: Harry Kane ist mit rund 64,7 Millionen Euro der teuerste Spieler, Deniz Undav kostet etwa 26,9 Millionen. Dzenan Pejcinovic (VfL Wolfsburg) steigerte seinen Wert nach seinem Dreierpack am vergangenen Spieltag von ursprünglich 1,5 Millionen auf inzwischen 4,1 Millionen Euro. max

Gefahr für den Amateurfußball?

Kommentar von Max Pradler

Der Amateurfußball ist vieles: ehrlich, chaotisch, emotional. So zumindest das romantische Bild. Bis plötzlich nicht mehr nur über Ergebnisse gesprochen wird, sondern über erhaltene Punkte und gestiegene oder gefallene Marktwerte. Und bis auf dem Spielfeld jemand sagt: „Lass mir die Ecke – ich brauch die Punkte.“

Was im Profifußball längst zum festen Hintergrundrauschen gehört, schwappt nun in den Amateurbereich. Kickbase hat vorgemacht, wie aus Fußball ein Strategiespiel fürs Smartphone wird. Selbst Weltmeister Christoph Kramer erzählte im Podcast „Copa TS“ schmunzelnd, dass bei Borussia Mönchengladbach Standards plötzlich heiß begehrt waren – wegen der Aussicht auf einen Assistpunkt. Die teaminterne „Bestrafung“ folgte prompt: Bei einem Fairplay-Einwurf bekam ausgerechnet dieser Spieler den Ball, um ihn pflichtbewusst zum Gegner zurückzuspielen. Gewertet als Fehlpass. Minuspunkte bei Kickbase. Pädagogik auf Bundesliga-Niveau.

Wenn solche Gedanken also selbst bei Profis auftauchen – bei Spielern, die Millionen verdienen, medientrainiert sind und deren Aktionen ohnehin bis ins letzte Detail analysiert werden –, stellt sich die Frage: Was passiert dann erst in der Kreisliga?

Mit Promateur hält dieses Denken nun auch im Amateurfußball Einzug. Und so charmant die Idee auf den ersten Blick wirkt, so berechtigt ist der Zweifel, ob sie dem Spiel wirklich guttut. Man stelle sich einen Sonntag in der Kreisliga vor. Der Spielstand ist ausgeglichen, der Platz tief, der Trainer ruft Anweisungen. Doch plötzlich geht es nicht mehr nur um das Spiel. Der Sechser verzichtet auf den kompromisslosen Zweikampf – zu groß die Angst vor der Gelben, die Minuspunkte bringt. Der Stürmer schießt aus ungünstiger Position selbst, statt querzulegen – vielleicht springt ja ein Tor heraus. Und der Linksverteidiger meldet sich auffallend selbstbewusst für jede Ecke.

Natürlich ist das zugespitzt. Und natürlich wird der Amateurfußball daran nicht zerbrechen. Dafür ist er zu robust, zu bodenständig, zu sehr Sonntagnachmittag. Aber er könnte sich verändern. Denn der Amateurfußball lebt nicht von Punkten auf dem Smartphone, sondern von Schlamm an den Stutzen, kratzigen Trikots und Laufwegen, die niemand sieht. Von Pässen, die nicht in Statistiken auftauchen, aber Spiele entscheiden. Von Mitspielern, die sich aufopfern, ohne dafür je belohnt zu werden.

Wenn irgendwann der erste Spieler den Blick vom Ball hebt, um innerlich seine Punktzahl zu berechnen – dann ist etwas verloren gegangen, das sich nicht mehr so schnell korrigieren lässt.