Stuttgart. Fußball ist ein Laufsport, die Kondition eine der wichtigsten Voraussetzungen für Erfolg. Verschnaufpausen während eines Spiels werden selbst auf Amateurebene vom Gegner schnell bestraft. Wer keine Puste mehr hat, wird daher vom Trainer meist ausgewechselt. Was aber, wenn nicht genügend Ersatzspieler da sind? Amateurkicker, die deswegen regelmäßig an die Schmerzgrenze gehen müssen, um 90 Minuten durchspielen zu können, dürften der Idee des Wiedereinwechseln ebenso positiv gegenüberstehen wie jene, die nach überstandener Verletzung noch kein ganzes Spiel absolvieren können und Spielpraxis sammeln sollen.
In Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz waren es jedoch nicht nur diese Gründe, die die Verantwortlichen in den Fußballverbänden dazu bewogen, das so genannte „Interchanging“ im Amateurbereich einzuführen. So können Trainer nun jederzeit taktisch auf Spielentwicklungen reagieren und ihr Team entsprechend des Spielstands umstellen. Einziges Problem: Der Spielfluss gerät nach Erfahrungen aus den betroffenen Ligen mitunter verloren, da jeder Wechsel nur mit Zustimmung des Schiedsrichters vonstattengehen darf. Befürworter des „Interchanging“ monieren in diesem Zusammenhang hingegen das starre Wechselsystem im deutschen Fußball – im Gegensatz zu anderen Sportarten könne nicht jeder Spieler von der Ersatzbank sofort aufs Spielfeld.
Innerhalb des württembergischen Fußballverbands (WFV) ist das beliebige Ein- und Auswechseln momentan nur bei Freundschaftsspielen erlaubt. Geht es nach den Verbandsoberen, soll es dabei vorerst auch bleiben. „Der Charakter des Wettkampfspiels geht dadurch verloren, der Leistungsgedanke leidet“, sagt Pressesprecher Heiner Baumeister, der gleichzeitig um den reibungslosen Ablauf fürchtet. „Die Gefahr ist groß, dass Trainer das nutzen, um ein Ergebnis über die Zeit zu bringen.“
Von solchen Erfahrungen kann Willy Herzog nicht berichten. Der Stellvertretende Vorsitzendes des Bezirks Schwarzwald, in dem das Rückwechseln seit dieser Saison als Pilotprojekt in den unteren Ligen getestet wird, erfährt bislang nur positive Rückmeldungen. „Unsere Vereine wollen diese Regel nicht mehr missen“, sagt Herzog. Der Grund liegt auf der Hand: Der Bezirk Schwarzwald ist unter den 16 zum WFV zusammengeschlossenen Bezirken einer der strukturschwächsten. „Unsere Landvereine haben es schwer, überhaupt genügend Spieler für eine Mannschaft zusammenzubekommen, von den Ersatzspielern ganz zu schweigen“, so Herzog. Um vor allem die zweiten Mannschaften in Konkurrenz halten zu können, sei die Möglichkeit des Wiedereinwechselns der richtige Weg. Herzog will dem WFV nach Ende des Pilotprojekts einen Bericht vorlegen, der die Vorteile herausstreichen soll.
Spätestens dann würde man auch in Stuttgart nicht umhin kommen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Das wurde noch nie breit diskutiert“, gibt WFV-Sprecher Heiner Baumeister zu, „aber wenn die Bezirke das wollen, werden wir uns dem natürlich nicht verschließen.“
Im Bezirk Neckar/Fils steht man dem Thema durchaus aufgeschlossen gegenüber. „Wenn sich das in anderen Bezirken bewährt, sind wir dabei“, sagt der Vorsitzende Karl Stradinger, der davon überzeugt ist, dass das Wiedereinwechseln über kurz oder lang Standard werden wird. „In Zeiten, in denen im Jugend- und Aktivenbereich Mannschaften wegbrechen oder sich zu Spielgemeinschaften zusammenschließen, wird das nicht zu verhindern sein.“
