Vom drohenden Abstieg redet seit Samstag bei den Knights niemand mehr
Zurück zum aufrechten Gang

Siege wie diese sollte es rezeptfrei in jeder Apotheke geben. Nach dem eindrucksvollen 107:77-Heimsieg gegen Cuxhaven sind Kirchheims Basketballer endgültig auf dem Weg zur vollständigen Genesung.

Kirchheim. Wohltemperierte Freude und Lob in kleinen Dosen sind die Zutaten im Erfolgsrezept eines jeden Trainers. Deshalb gilt auch für Frenkie Ignjatovic: Gefühle sind Privatsache. Es gilt das gesprochene Wort. Über die Packung, mit der seine Jungs den Favoriten aus Cuxhaven am Samstag zurück an die Nordsee geschickt haben, hat sich der Mann an der Seitenlinie jedenfalls gefreut wie Bolle. Davon ist auszugehen, auch wenn das gestern anders klang: „Lieber zehnmal mit drei Punkten gewinnen, als einmal mit dreißig“, lautete sein nüchternes Fazit, nachdem der dritte Sieg in Serie einen Tag lang abgehangen war.

So ganz ohne Wirkung ist der Samstag dann doch nicht geblieben. Sollten die Knights auch in den beiden kommenden Auswärtsspielen in Gotha und Jena punkten, wäre auch Ignjatovic bereit, das Saisonziel in Richtung Playoffs zu korrigieren. Vor allem für die Zuschauer, sagt er, würde er sich freuen, „die in dieser Saison soviel Geduld aufbringen mussten.“

Doch noch ist das Eis dünn, auf dem man sich bewegt. Die Gefahr lauert nicht nur in der Versuchung, den zwei jüngsten Siegen gegen ersatzgeschwächte Gegner mehr Gewicht zu geben, als angemessen wäre. Die Struktur des Kaders mit nur vier Deutschen bleibt in foulintensiven Begegnungen die Kirchheimer Achillesferse. Am Samstag erlebte Dominik Schneider das Spielende nach dem fünften Foul auf der Bank, Sebastian Adeberg stand kurz davor, dieses Schicksal zu teilen. Damit wäre mit dem erst 17-jährigen Robert Zinn ein Spieler plötzlich unverzichtbar geworden, der bis zu diesem Abend die Sporthalle Stadtmitte allenfalls aus der Zeitung kannte. Zinn hat seine Sache in den knapp sechs Minuten, die er auf dem Spielfeld stand, gut gemacht. Soviel lässt sich mit Gewissheit sagen.

Doch die Verletzung von Jonathan Maier macht deutlich, wo die offene Flanke der Kirchheimer verläuft. Nicht auszudenken, was wäre, sollte Kapitän Radi Tomasevic lännger ausfallen. Maier wird den Knights wohl nicht allzu lange fehlen. Bei der im Training erlittenen Verletzung handelt es sich um eine Bänderdehnung im Sprunggelenk. Zwei bis drei Wochen Pause wären normal. Ignjatovic schließt nicht aus, dass der 20-jährige Center bereits kommende Woche wieder ins Training einsteigt. Dennoch zeigt der Ausfall Wirkung und hat der schon totgesagten Kooperation mit den Neckar Riesen wieder neues Leben eingehaucht. Mit dem jungen Robert Zinn vom Regionalligisten BSG Ludwigsburg und dem Deutsch-Bosnier Nedim Hadzovic, der als zum Perspektivkader der Riesen zählt, stellten zwei Leihgaben vergangene Woche einen regulären Trainingsbetrieb in Kirchheim sicher. Für einen Einsatz im Knights-Trikot kommt Hadzovic allerdings nicht in Frage. Der 2,05 Meter große und 105 Kilo schwere Center feierte kurz vor Weihnachten seinen 22. Geburtstag und ist damit kein Kandidat mehr fürs Kooperationsmodell.

Dafür taucht ein anderer Name wieder auf, den Knights-Sportchef Karl Lenger vor weniger als einer Woche noch zum Tabuthema erklärt hatte: „Besnik Bekteshi hat einen gültigen Vertrag in Ludwigsburg. Ich kann das Gerede über eine mögliche Rückkehr nicht mehr hören.“ Jetzt scheint der inzwischen 20-Jährige zumindest als Feuerwehrmann in allergrößter Not doch eine Option zu sein. Zumindest dann, wenn es der Spielplan des Erstligisten erlaubt.

Frenkie Ignjatovic jedenfalls hat keinen Grund, am Wochenende mit Sorge nach Gotha zu reisen. „Wenn wir unseren Rhythmus finden“, sagt der Trainer, „ist mir vor keinem Gegner bange.“ Was in der Mannschaft steckt, wenn jeder Einzelne sein Potenzial ausschöpft, hat man am Samstag gesehen. Das Kollektiv funktioniert von Woche zu Woche besser. Spieler wie Burnette, Tomasevic und Brooks glauben plötzlich wieder ans eigene Können und Marcus Smallwood, der mit 18 Rebounds am Samstag einen neuen Saisonrekord aufstellte, wird zum zuverlässigen Abräumer unterm Korb. Neuzugang Justin Stommes, der gegen Cuxhaven nach zwei frühen Fouls lange auf der Bank parkte, sieht der Trainer bei 75 Prozent seines Leistungsvermögens. Seine Verpflichtung scheint vor allem in den Köpfen gewirkt zu haben. Ignjatovic: „Es war das Signal an die Mannschaft, dass wir nicht aufgeben.“