OB-Wahl 2019

Schlagabtausch auf Augenhöhe

OB-Wahl Dass Kirchheim am Sonntag wirklich eine Wahl hat, bewies das Podiumsgespräch des Teckboten: Die Oberbürgermeisterin und ihr Herausforderer zeigten sich kämpferisch und bestens vorbereitet. Von Irene Strifler

Ruckzuck waren die 600 Karten abgeholt, die der Teckbote für das Podiumsgespräch zur OB-Wahl in der Stadthalle bereitgestellt hatte. Weit mehr Leser wollten Zeuge des einzigen direkten Aufeinandertreffens der beiden Kandidaten werden. Wer eine Karte ergattert hatte, wurde nicht enttäuscht: Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und ihr Herausforderer Dr. Pascal Bader lieferten sich einen kurzweiligen, intelligenten Schlagabtausch auf Augenhöhe. Die Tour d‘Horizon durch die wichtigsten Themen der städtischen Politik basierte auf Fragen aus der Leserschaft.

Volles Haus und konzentrierte Aufmerksamkeit: Das von der Teckboten-Redaktion moderierte und organisierte Podiumsgespräch zur OB
Volles Haus und konzentrierte Aufmerksamkeit: Das von der Teckboten-Redaktion moderierte und organisierte Podiumsgespräch zur OB-Wahl in der Stadthalle bot die Chance, beide Bewerber im Zwiegespräch zu erleben. Die Fragen hatten interessierte Leser im Vorfeld der Redaktion zugesandt.Fotos: Carsten Riedl

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Qual der Wahl am kommenden Sonntag wurde durch die unterhaltsame Veranstaltung keineswegs erleichtert, darüber war sich das Publikum einig. Zum Einstieg verriet Moderator Andreas Volz aus der Redaktion eine Gemeinsamkeit: Sowohl Angelika Matt-Heidecker als auch Pascal Bader haben einen Sohn namens Moritz. Doch auch ihre politischen Ziele ähneln sich in manchen Punkten. Die Vorstellung von der Realisierung mancher Vorhaben und besonders die jeweilige Einschätzung des Ist-Zustandes klaffen allerdings extrem auseinander. Wo der Herausforderer akuten Handlungsbedarf ausmachte, rechtfertigte die Amtsinhaberin vehement das bisher Erreichte.

Besonders deutlich wurde dies beim Thema Schulen, das den Anwesenden erkennbar auf den Nägeln brannte. Zahlreiche zuvor eingesandte Fragen drehten sich um diesen Komplex. Als „Armutszeugnis“ bezeichnete es Bader, selbst Vater zweier Schulkinder, wie die Stadt Schulen „verrotten“ lasse und nur in Prestigeprojekte wie den Raunercampus investiere. Dabei lägen Millionen auf der hohen Kante, die nicht abgearbeitet würden. Dagegen verwahrte sich die Oberbürgermeisterin heftig und bekannte, „zornig“ zu werden. „Da verstehen Sie den kommunalen Haushalt leider nicht richtig“, konterte sie den Vorwurf, Gelder nicht rechtzeitig abzurufen. Ferner verwies sie auf die großen Investitionen in Freihof-, Alleen- und KW-Schule sowie in die Gymnasien.

Amtsinhaberin Angelika Matt-Heidecker.
Amtsinhaberin Angelika Matt-Heidecker.

Mindestens ebenso wichtig wie die Schulen ist den Kirchheimern ein neues Hallenbad. Hier verkündete die Stadtchefin die Neuigkeit, soeben mit Dettingens Bürgermeister Haußmann telefoniert zu haben, um die Planung schneller voranzutreiben: „Wenn die Umsetzung vor 2030 möglich sein sollte, machen wir das“, versprach sie. „Wir brauchen ein eigenes Hallenbad für Kirchheim und die Region“, wiederholte Bader sein Credo und versprach, mit allen Bürgermeistern der Umlandkommunen das Gespräch zu suchen: „Wenn ich jetzt beginne, habe ich 2030 sicher was“, verwahrte er sich gegen weitere - aus seiner Sicht völlig unnötige - Verzögerungen.

Herausforderer Dr. Pascal Bader.
Herausforderer Dr. Pascal Bader.

Schon zum Auftakt der abendfüllenden Veranstaltung hatte der Herausforderer mit dem heißen Thema Hallenbad kokettiert. Er hatte die Lacher auf seiner Seite als er gefragt wurde, ob er als Oberbürgermeister kommunalverwaltungstechnisch „ins kalte Wasser springe“: „Wenn wir ein Hallenbad hätten, könnte ich in warmes Wasser springen“, witzelte er, ehe er unter anderem auf 20 Jahre Erfahrung in der Landesverwaltung hinwies. Matt-Heidecker belegte ihre Qualifikation mit zwei Amtsperioden und noch viel weiter zurückreichendem Engagement im Gemeinderat. Sie warf ihren reichen Erfahrungsschatz in die Waagschale, der der Stadt erkennbar gut getan habe.

„Sie hat alles dafür getan,
dass es in dieser
Stadt ein gutes Zusammenleben gibt."
Angelika Matt-Heidecker auf die Publikumsfrage, was man nach Ende ihrer Amtszeit über sie sagen soll.

 

„Oh, 16 Jahre sind schon rum – toll, dass er das mit
dem Hallenbad hingekriegt hat."
Dr. Pascal Bader auf die Publikumsfrage, was man nach Ende einer möglichen Amtszeit über ihn sagen soll.

Die Frage nach dem Sinn einer dritten Amtszeit, die die Amtsinhaberin aus Altersgründen nicht komplett ausfüllen können wird, beschäftigt die Wähler stark. Zwischen 8 und 6,5 Jahren bestehe kein großer Unterschied, meinte dagegen die Oberbürgermeisterin und betonte ihre Einsatzbereitschaft: „Ich kandidiere, weil ich enorm motiviert bin.“ Ihr Herausforderer musste sich der bohrenden Frage eines Bürgers stellen, warum er sich so spät - eine halbe Stunde vor Bewerbungsschluss - zur Kandidatur entschlossen habe. Bader berichtete, den Gedanken früh gehabt, aber dann wieder verworfen zu haben, als man ihm sagte, ein Antreten gegen die Amtsinhaber- in sei sinnlos. Letztlich habe ihm das Ganze aber doch keine Ruhe gelassen, denn „nach 16 Jahren ist Zeit für frischen Wind“.

Hinweis: Das Podiumsgespräch sollte komplett aufgezeichnet werden. Leider fiel eine Kamera aus, sodass ursprünglich nur ein Teil des Mitschnitts abrufbar war. Wir konnten den fehlenden Teil (ab Minute 45) mit einer Audioaufnahme auffüllen, sodass zumindest alle Aussagen der Kandidaten vorhanden sind:


Kommentar: Showdown am Wahlsonntag

Was für eine schier unerträgliche Spannung! Der OB-Wahlkampf in Kirchheim hat wahrlich das Zeug zu einem mitreißenden Western: Ein durch und durch erfahrener Sheriff - in diesem Falle ist die Rolle weiblich besetzt - wird eiskalt herausgefordert, als der Weg in die dritte Amtszeit schon geebnet scheint. Und zwar von einem, den manche als politisches Greenhorn wahrnehmen. Und doch nötigt er allen Respekt ab, denn er hat sich unter anderem beim Land berufliche Meriten erworben, versammelt offenkundig eine starke Anhängerschaft hinter sich und schlägt sich gut in der Öffentlichkeit. Beide Kontrahenten umkreisen sich zunächst ausdauernd und verharren in misstrauischer Lauerstellung. Auf fünf Vorstellungsrunden in den Kirchheimer Teil- orten und der Kernstadt dürfen sie nämlich nur nacheinander reden und den Vortrag des anderen nicht anhören.

Unterdessen nimmt das Leben in der Stadt scheinbar seinen gewohnten Lauf. Doch die Ruhe ist trügerisch, die Spannung groß. An Stammtischen, auf dem Markt, am Arbeitsplatz gibt es nur noch ein Thema, die Oberbürgermeisterwahl. Zu Scharmützeln kommt es gelegentlich zwischen den Anhängerschaften beider Helden, etwa in Leserbriefen oder Social-Media-Foren oder durch öffentliche Sympathie-Bekundungen einzelner Wähler(gruppen).

Auge in Auge standen sich die Kontrahenten nun zum ersten und gleichzeitig letzten Mal am Dienstag vor Publikum gegenüber, und zwar auf dem Podium des Teckboten in der Stadthalle. Hier feuerten die Kandidaten einige Breitseiten aufeinander ab und verbuchten auch den einen oder anderen Treffer, jeweils beklatscht vom Publikum. Das war nur dann nicht einverstanden, wenn sich die Amtsinhaberin überraschend dünnhäutig zeigte gegenüber Publikumsreaktionen, die ihr persönlich unverständlich schienen.

Dennoch: Zum Showdown ist es trotz heftiger argumentativer Schießerei und Stichelei noch nicht gekommen. Die beiden Anwärter auf den Sheriff-Posten zeigen sich ziemlich ebenbürtig. Die Spannung steigt weiter, kaum einer der aufmerksamen Zuschauer und Beobachter wagt derzeit eine ernsthafte Prognose.

Der Showdown bleibt also dem Wahlsonntag vorbehalten. Nicht Revolverkugeln entscheiden, sondern Stimmzettel. Die Helden haben ihr Schicksal nicht mehr selbst in der Hand, bis dahin haben sie ihre Munition im Wahlkampf verschossen. Jetzt ist der Bürger am Drücker. Er führt nun Regie auf dem Weg zum Happy-end für die Stadt. - Dass dabei ein Held auf der Strecke bleibt, gehört zum Drehbuch.

Irene Strifler

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